Abgekoppelt von der Flaute

Experten rechnen 2009 mit weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen
  • Frank-Jürgen Weise, Präsident der Bundesagentur für Arbeit:
Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal geschrumpft - und schon geht die Angst vor dem Abschwung um. Doch der Arbeitsmarkt ist für Experten noch immer ziemlich stabil und widerstandsfähig.Nach dem Dämpfer im zweiten Quartal mehren sich die Sorgen um die deutsche Wirtschaft. Doch Wirtschaftspolitiker und Ökonomen beschwichtigen: Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich weiter verbessern, die Unternehmen sind wettbewerbsfähig, die Wirtschaft auch für einen möglichen Abschwung gut gerüstet.

'Tatsächlich haben die Risiken deutlich zugenommen. Es besteht aber kein Grund zur Panik. Die deutschen Unternehmen sind weiter ungemein wettbewerbsfähig', sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos dem 'Handelsblatt'. 'Ich erwarte für Deutschland keine Rezession, sondern eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums.' Im zweiten Quartal war die deutsche Wirtschaft erstmals seit knapp vier Jahren geschrumpft: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging real um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zurück.

In der Bevölkerung schüren solche Zahlen - gepaart mit der Sorge um weiter steigende Energie- und Lebensmittelpreise - Ängste: Dem jüngsten ZDF-Politbarometer zufolge denken inzwischen 45 (Juni: 26) Prozent der Befragten, dass es mit der Wirtschaft wieder abwärtsgeht - so viele wie seit gut fünf Jahren nicht mehr. Lediglich noch 14 (26) Prozent sehen demnach die deutsche Wirtschaft im Aufschwung und 40 Prozent erwarten keine großen Veränderungen. Im Juni meinten jeweils 26 Prozent, dass es ab- beziehungsweise aufwärtsgeht.

Doch Fachleute sehen zumindest für den deutschen Arbeitsmarkt nicht so düster. Trotz der aktuellen Konjunkturdelle werde sich die Situation weiter entspannen. 'Zum einen hilft die demografische Entwicklung, da das Angebot an Arbeitskräften sinkt, bei einer weiterhin hohen Nachfrage der Unternehmen', sagte der Konjunkturchef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Udo Ludwig. Zum anderen geht das Institut davon aus, dass die Konjunktur Anfang kommenden Jahres wieder etwas anziehen werde. Das IWH erwartet, dass die Zahl der Arbeitslosen im kommenden Jahr um weitere 100 000 auf 3,14 Millionen im Jahresdurchschnitt sinken wird.

Auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, rechnet mit weiter sinkende Arbeitslosenzahlen: 'Zwar lässt die Dynamik auch am Arbeitsmarkt nach, wir rechnen aber trotzdem für 2009 noch mit leicht besseren Zahlen als in diesem Jahr'. Im Juli 2008 waren in Deutschland 3,21 Mio. Männer und Frauen arbeitslos gemeldet. Das waren 50 000 mehr als im Vormonat, aber gut 505 000 weniger als ein Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,2 Punkte auf 7,7 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte sie noch bei 8,9 Prozent gelegen.

Ein weiterer Vordenker der Ökonomen-Zunft stellt ein gutes Zeugnis aus. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup hält die deutsche Wirtschaft insgesamt für robust: 'Die deutsche Wirtschaft ist nicht auf Rezessionskurs. Die Konjunktur wird sich zwar merklich abschwächen, aber nicht einbrechen', sagte er.

Auch für einen möglichen Abschwung sieht Rürup die deutsche Wirtschaft gut gerüstet: Die Unternehmen seien wesentlich wettbewerbsfähiger geworden. Als Beispiele zählte er auf: die vernünftige Lohnpolitik, die Steuerreformen und die Reformen am Arbeitsmarkt.

Ähnlich äußert sich Rürups Kollege Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Für ihn ist der Arbeitsmarkt 'bei allen düsteren Aussichten' immer noch ein 'Lichtblick'. Sinn kündigte jedoch an, das Ifo-Institut werde seine Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland im laufenden Jahr deutlich senken: von vergleichsweise hohen 2,4 Prozent vermutlich auf etwa 2 Prozent. Für 2009 rechne das Institut unverändert mit einem Wachstum von 1,0 Prozent.
© Südwest Presse 16.08.2008 07:45
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