Tiefe Krise nach Trennung

Der Absatz des US-Autobauers Chrysler bricht in rasantem Tempo ein
  • Früher waren die Chrysler-Jeeps in den USA heiß begehrt, nun stehen die großen Spritfresser bei den Händlern auf dem Hof, wie hier in Denver. Foto: AP
Ein Jahr ist es her, dass die Trennung der Autobauer Daimler und Chrysler vollzogen wurde. Seitdem ist der US-Autobauer noch stärker unter die Räder gekommen. Die Riesenverluste belasten Daimler immer noch.Werden Daimler-Manager auf Chrysler angesprochen, huscht oft ein schiefes Grinsen über ihr Gesicht. Rund ein Jahr nach dem Ende der transatlantischen Auto-Ehe haben sich die Autobauer auseinander entwickelt.

Daimler ist trotz der jüngsten Drosselung der Jahresziele auf Kurs. Chrysler leidet dagegen schwer unter der Krise auf dem US-Markt. Ganz voneinander losgekommen sind der Stuttgarter Premiumhersteller und der US-Anbieter aber trotz ihrer Trennung nicht. Daimler hält noch knapp 20 Prozent an Chrysler und muss dadurch bei der Talfahrt der Ex-Tochter in jedem Quartal kräftig mitbluten.

Als 'Ehe im Himmel' vom damaligen Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp gefeiert, endete die Auto-Allianz neun Jahre später recht abgekühlt vor dem Scheidungsrichter. Nach immer schlechteren Zahlen, gescheiterten Sanierungsversuchen und wochenlangen Spekulationen griff schließlich der Finanzinvestor Cerberus zu und zahlte rund 5,5 Mrd. EUR für 80,1 Prozent an Chrysler. Die Deutschen wurden auch die hohen Pensions- und Gesundheitskosten los. Allerdings mussten sie dafür einen Kredit von 964 Mio. EUR zusagen, den der drittgrößte US-Autobauer im Juni angesichts seiner Finanzprobleme auch in Anspruch nahm.

Dass an dem Aus kein Weg vorbeiführen konnte, räumen mittlerweile alle Beteiligten ein - auch Daimler-Chef Dieter Zetsche, der sich als 'Chrysler-Guy' bezeichnete und selbst jahrelang in Detroit den US-Hersteller auf Kurs bringen wollte. Wurde nach der Trennung zunächst noch tapfer auf die verbliebenen gemeinsamen Projekte verwiesen, schaut Stuttgart nun trotz abgeschraubter Daimler-Chrysler-Schilder mit Sorge den Finanzberichten aus den USA entgegen.

Erst zuletzt musste Chrysler Insolvenzgerüchte dementieren. Wie hoch die Verluste sind, verrät Chrysler als private Gesellschaft nicht mehr. Das Minus ist nur indirekt über die Daimler-Bilanz zu erschließen: Allein im zweiten Quartal schlug Chrysler dort mit 373 Mio. EUR negativ zu Buche. Bei seiner von 7,7 Mrd. EUR auf 7 Mrd. EUR gedrosselten Gewinn-Erwartung für 2008 erwähnte Daimler ausdrücklich, dass neue Hiobsbotschaften des US-Herstellers darin noch nicht enthalten seien. Und davon könnten noch einige kommen.

Chryslers US-Absatz brach im laufenden Jahr um bisher 23 Prozent ein - noch stärker als bei den ebenfalls notleidenden Wettbewerbern General Motors (GM) und Ford. Wegen der hohen Benzinpreise und der Konjunkturkrise kaufen die US-Bürger immer weniger Autos, vor allem nicht die spritfressenden Geländewagen heimischer Hersteller. Anders als bei GM und Ford ist Chryslers Auslandsgeschäft trotz steigender Absatzzahlen noch nicht groß genug, um den Schwund in der Heimat wettzumachen.

Das Rezept à la Cerberus bisher: Abbau zehntausender Stellen und radikales Zurückfahren der Produktion. Auch Kooperationen mit anderen Herstellern sollen helfen. Viele Experten sind aber skeptisch, ob Chrysler der wichtigste Schritt gelingt: Schnell neue sparsame Autos auf den Markt zu bringen. Der einst bei der Heimwerker-Kette Home Depot geschasste neue Chrysler-Chef Robert Nardelli übte sich in einem Schreiben an die Mitarbeiter zum Jahrestag der Trennung in Zuversicht: 'Chrysler mag am Boden liegen, aber wir sind längst nicht aus dem Rennen.' dpa
© Südwest Presse 07.08.2008 07:45
953 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?