Mehr Wettbewerb beim Gas

Technische Werke Friedrichshafen starten Offensive im Südwesten
Der Wettbewerb auf dem baden-württembergischen Gasmarkt gewinnt an Fahrt. Angetrieben wird er beispielsweise durch die Technischen Werke Friedrichshafen, die sich landesweit als Versorger etablieren.Sehr geärgert hat sich Michael M. über die Technischen Werke Herbrechtingen (Kreis Heidenheim). Unter der Betreffzeile 'TWH passt Erdgastarife an - Ölpreis treibt die Bezugspreise in die Höhe' hatte ihm das Unternehmen eine Tariferhöhung zum 1. Juli angekündigt. Doch hielten es die technischen Werke (TW) nicht für nötig mitzuteilen, wie hoch die Preiserhöhung ausfällt. Auch ein Hinweis auf das in solchen Fällen geltende Sonderkündigungsrecht unterblieb.

Michael M. rechnete nach: Das Gas verteuert sich vom 1. Juli an für ihn um 12,3 Prozent. Danach suchte er im Internet beim Verbraucherportal Verivox nach dem für ihn günstigsten Anbieter. Das sind, wie auch in 24 von 28 Fällen in unserer Gaspreistabelle, die TW Friedrichshafen. Doch aus einem baldigen Wechsel wird nichts. Denn der Versorger vom Bodensee hat zwar einen Rahmenvertrag von den Stadtwerken Herbrechtingen angefragt, ihn aber noch nicht erhalten. Ohne eine solche Vereinbarung ist aber keine Gaslieferung möglich. Und einfach ins Blaue hinein kündigen wollte Michael M. nicht.

In vielen Fällen gestaltet sich der Wechsel des Gasversorgers noch zäh, sagt Stephan Söchtig, Geschäftsführer der TW Friedrichshafen. Das habe zum einen damit zu tun, dass die Branche mit diesen Abbläufen noch wenig Erfahrung habe. Zum anderen hinkten die EDV-Anbieter mit den Programmen hinterher. Daher müssten viele Arbeiten beim Kundenwechsel von Hand erledigt werden. 'Auch das hemmt den Wettbewerb.'

Dass die TW Friedrichshafen deutlich günstigere Konditionen als viele Stadtwerke anbieten, begründet Söchtig so: 'Wir haben sehr gut eingekauft und geben diese Vorteile an unsere Kunden weiter.' Seit dem Start der Marktoffensive vor etwa zwei Monaten hat der Versorger vom Bodensee rund 600 Neukunden gewonnen; pro Monat sollen es künftig 400 sein. Allerdings räumt Söchtig ein, dass die TW Friedrichshafen vom Kundenandrang überrascht wurden. Sechs bis acht Wochen dauert es, bis Interessenten eine Antwort auf Anfragen erhalten.

Die Basis für das offensivere Auftreten am Markt war nach seinen Worten eine veränderte Beschaffungsstrategie. Statt der bisher üblichen, langfristigen Vollversorgungsverträge ist das Unternehmen dazu übergegangen, einen Teil seines Gasbedarfs kurzfristig einzukaufen. 'Dieses Spiel bringt Vorteile, birgt aber auch Risiken', sagt Söchtig, der davon ausgeht, dass auch andere Stadtwerke schon bald auf diesen Kurs einschwenken werden.

Söchtigs Ziel ist es, die TW Friedrichshafen landesweit als Gasversorger zu etablieren, zumindest dort, wo es die Netzentelte der Konkurrenten zulassen. Dabei gehe es aber nicht darum, als Billiganbieter zu punkten. Vielmehr will das Unternehmen damit die Abwanderung von Kunden im eigenen Gebiet ausgleichen. 'Zudem wollen wir bekannter werden, um auch unsere Naturgas-Produkte abzusetzen.'

'Jedes neue Angebot eines Stadtwerks erhöht den Wettbewerb und davon profitieren letztendlich die Kunden', sagt Dagmar Ginzel, Sprecherin des unabhängigen Verbraucherportals Verivox. Zwar fallen die Preiserhöhungen im Südwesten zum 1. Juli im Großen und Ganzen moderat aus. Allerdings liegen die Tarife hier im bundesweiten Vergleich im oberen Drittel, vor allem der Großraum Stuttgart ist teuer. Am wenigsten bezahlen die Verbraucher in Hamburg. Dort werden für 20 000 Kilowattstunden zwischen 1000 EUR und 1299 EUR pro Jahr fällig. Ginzel führt das darauf zurück, dass die Kunden die Wahl zwischen elf Anbietern haben.

Auch Michael M. will das Thema Anbieterwechsel noch einmal angehen. 'Denn damit lässt sich bares Geld sparen.'
© Südwest Presse 30.06.2008 07:45
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