Ihre Macht ist umstritten

Spekulanten sorgen an Rohstoffmärkten für massive Preisausschläge
  • Ölhändler in der New Yorker Handelsbörse. Foto: dpa
Finanzanleger haben längst die Rohstoffmärkte entdeckt. Auch wenn sich massive Preisausschläge nur mit spekulativen Einflüsse erklären lassen, die tatsächliche Macht der Spekulanten ist dennoch unklar.Dass mehr Spekulation im Spiel ist als früher ist für Experten klar: Wenn der Ölpreis allein an einem Tag um 11 Dollar in die Höhe schießt, hat das mit der tatsächlichen Nachfrage nichts zu tun. In welchem Ausmaß allerdings der Ölpreis, die Notierungen für Rohstoffe und Nahrungsmitteln in den vergangenen Monaten allein durch Spekulation in die Höhe gegangen sind, weiß niemand genau.

Beim Weizen etwa sichert ein Viehzüchter über ein Termingeschäft die Lieferung, die er in sechs Monaten bezieht, eine Bank aber betrachtet ein solches Geschäft als Anlage, weil der Terminkontrakt nach einem halben Jahr mit Gewinn verkauft werden kann. Welche Macht der vermeintlich 'bösen' Spekulanten haben, ist deshalb ebenso wenig bekannt. Volkswirte halten ihn für begrenzt. 'Sie können den Preis kurzfristig beeinflussen, lange Trends setzen können sie nicht', sagt Volkswirt Holger Bahr von der Deka Bank.

Die Diskussion angeheizt hat unlängst der österreichische Finanzminister Wilhelm Molterer. Er spricht von Schätzungen wonach von Januar bis Mai rund 40 Mrd. Dollar (rund 26 Mrd. EUR) Spekulationsgeld in die Rohstoff- und Nahrungsmittelmärkte geflossen sei. Geld, das nicht dazu da ist, irgendwann Öl, Kupfer, Weizen oder Reis zu kaufen, sondern nur an Termingeschäften zu verdienen. Anderen Angaben zufolge werden nur 3 Prozent des gehandelten Weizens tatsächlich verkauft. Molterer fordert mehr Transparenz und eine Steuer für Spekulanten. Ähnlich der Tobin-Steuer, einer Abgabe, die seit Jahren für den Devisenmarkt gefordert wird, um Spekulationen mit Währungen einzudämmen. Doch für solche Abgaben wäre ein weltweiter Konsens notwendig. Der ist nicht in Sicht.

Fakt ist, dass Termin- und Finanzgeschäfte im Zusammenhang mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln in den letzten Jahren rapide zugenommen haben. Zum einen aus realen ökonomischen Gründen: Bauern oder Fluggesellschaften nutzen Termingeschäfte um sich gegen unwillkommene Preisaufschläge abzusichern. Die Lufthansa etwa kann so Kosten für Kerosin jedes Jahr deutlich niedriger halten. Darauf verweist auch die Internationale Energieagentur IEA. 'Man sollte besser von Risikomanagement als von Spekulation sprechen', heißt es dort.

Längst aber sind Investments in Öl oder Weizen auch Teil einer reinen Geldvermehrungsstrategie. Spekulanten setzen auf Rohstoffe und auf neuartige damit verbundene Finanzpapiere, obwohl sie Mais, Weizen, Öl oder Kupfer physisch nicht brauchen. Für Hedgefonds und Investmentbanken sind solche Geschäfte seit Jahren an der Tagesordnung. Für sie zählt der schnelle Gewinn, sie nutzen starke Preisschwankungen aus, selbst innerhalb eines Tages. Die Folgen für die Realwirtschaft oder für Menschen in armen Ländern interessieren sie nicht.

Immer wichtiger werden aber auch andere institutionelle Investoren wie Versicherungen, Pensionskassen oder Investmentfonds, die das Geld der Versicherten vor allem für die Altersvorsorge gewinnbringend anlegen müssen. Weil Rohstoffe und Nahrungsmittel gute Renditen versprechen, legen Banken zudem auch für Kleinanleger immer mehr Investmentfonds und Zertifikate auf. 'Das ist eine neue Anlageklasse', sagt Dekabank-Volkswirt Bahr. Die Produkte werden reichlich gekauft, auch deshalb weil es in anderen Feldern weniger gut läuft.

'Als Auslöser für die derzeitige extreme Blasenbildung sehen wir vor allem eine schlechte Entwicklung der anderen Anlageklassen, wie etwa Aktien, Anleihen oder Immobilien', sagt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Ohne dass mit solchen Käufen der schnelle Gewinn erhofft wird. 'Der Privatanleger ist kein Spekulant. Er investiert mit längerfristiger Perspektive', betont Bahr. In jedes diversifizierte Depot gehören heute auch Rohstoffanlagen, heißt es bei Banken, Sparkassen und Volksbanken und unabhängigen Anlageexperten.

Klar ist freilich: Auch diese Entwicklung hat Einfluss auf die Marktpreise, treibt sie potenziell nach oben. Ohne dass sich ein Kleinanleger vorhalten lassen würde, er sei für steigende Nahrungsmittelpreise und indirekt zunehmenden Hunger in Afrika verantwortlich. 'Ein Kleinanleger kauft nicht einen Sack Weizen, den er in den Keller stellt, bis er sich teurer verkaufen lässt', sagt Volkswirt Bahr.
© Südwest Presse 18.06.2008 07:45
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