"PLAGIARIUS" / Nach wie vor wird dreist kopiert, vom Salzstreuer bis zum Medizinbesteck

Kaum Hemmungen beim Nachahmen

  • Original und Fälschung: Der Salz-Streuer von WMF (rechts) wurde detailgetreu kopiert von einer chinesischen Firma. FOTO: AP
Plagiate und Raubkopien verursachen jährlich einen Schaden von etwa 30 Milliarden Euro. Etwa 50 000 Arbeitsplätze werden dadurch vernichtet, schätzen Experten. In Frankfurt wurden wieder die dreistesten Fälle ausgestellt und der Negativpreis 'Plagiarius' verliehen.WMF-Chef Thorsten Klapproth ist ein wenig hin und her gerissen. Die Salz- und Pfefferstreuer 'Two-in-One' des renommierten Haushaltswaren-Herstellers aus dem württembergischen Geislingen sind perfekt gelungen. Einziges Problem: Sie stammen nicht von WMF, die chinesische Firma Shantou Lian Plastic aus Guangdong hat schamlos abgekupfert - und damit bei der Aktion Plagiarius in diesem Jahr den ersten (Negativ-) Preis für die dreisteste Kopie abgeräumt. 'Das ehrt uns, aber wir gehen natürlich dagegen vor', sagt Klapproth.

Das Problem hat nichts an Dringlichkeit verloren, wie Rido Busse, der Initiator der Aktion aus Elchingen, auch bei der 32. Verleihung des Schwarzen Zwerges mit der goldenen Nase gestern in Frankfurt verdeutlichte. Dabei sind es keineswegs nur Firmen aus China, die munter teure Markenprodukte kopieren. Auch drei deutsche Unternehmen gewannen in diesem Jahr den fragwürdigen Preis: Die Heinrich Winkelmann GmbH aus Ahlen kopierte das Original eines Druckgefäßes für eine Heizungsanlage eines Schweizer Herstellers. Die Horst Strichroth GmbH aus Hannover machte Flechtarmreifen einer Firma aus Vreden nach, und die Phoebus Medizintechnik aus Tuttlingen sogar Urologie-Resektoskope der ebenfalls in Tuttlingen ansässigen Karl Storz GmbH. Der Preis für den Serienklau geht in diesem Jahr an die chinesische Jusweet Candytoy: Sie kopiert schon seit Jahren schamlos Spielzeugautos der Bruder Spielwaren GmbH aus Fürth.

Die Felder und Produkte der Nachahmer sind weit gestreut: Sie reichen in diesem Jahr von den WMF-Salzstreuern über Eierköpfer, Badezimmer-Armaturen bis hin zu Schreibutensilien der Nürnberger Staedtler-Mars GmbH, die von der chinesischen Firma Zhaoqing kopiert wurden. Nach Schätzungen der Behörden belaufen sich die jährlichen Schäden durch dreiste Kopien in Deutschland auf etwa 30 Mrd. EUR, rund 50 000 Arbeitsplätze gingen dadurch verloren. Weltweit dürfte sich der Schaden, sagt Busse, auf mehrere hundert Mrd. EUR belaufen, mehrere hunderttausend Arbeitsplätze würden vernichtet. Allein der deutsche Zoll hat 2006 gefälschte Waren im Wert von 1,2 Mrd. EUR beschlagnahmt - fünf Mal so viel wie ein Jahr zuvor.

Nach Ansicht von Busse schaden die skrupellosen Nachahmer nicht nur den Firmen, die das Original entwickeln, herstellen und vermarkten. Sie gefährden auch die Sicherheit der Verbraucher. 'Der Plagiator ist auf den schnellen Profit aus. Die verwendeten Materialien und die Verarbeitung sind beim Plagiat oft minderwertig.'

Garantie- und Serviceleistungen gebe es ohnehin nicht. Eine Mitverantwortung liegt aber nach Busses Überzeugung auch beim Handel und bei den Verbrauchern. 'Mit einer Mischung aus Unwissenheit, Überforderung und Kalkül trägt der Handel leider dazu bei, dass immer mehr Plagiate in den Regalen landen.'

Auch einige Ebay-Händler versuchen, den Kunden reihenweise Plagiate zu verkaufen. Verbrauchern mangele es häufig an Unrechtsbewusstsein. 'Den unbeabsichtigten Kauf von Plagiaten kann man ihm nicht vorwerfen, den vorsätzlichen Kauf von gefälschten Markenartikeln aber schon.' Ursache sei nicht zuletzt auch die stark verbreitete Schnäppchen-Mentalität.
© Südwest Presse 09.02.2008 07:45
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