SPIELWARENMESSE / Hersteller versuchen mit Themenwelten, die Kinderzimmer zu erobern

Piraten-Set aus Kartoffelstärke

Die kommende Fußball-Europameisterschaft spielt nur eine Nebenrolle
  • Ganz neue Einblicke für Eisenbahnfans bietet Märklin mit dieser Spezialbrille, mit der die Zugfahrt aus der Sicht eines Lokführers nachvollzogen werden kann. FOTO: dpa
Auf der weltgrößten Spielwarenmesse in Nürnberg ist für die Aussteller der Neuheitenschau vor allem eines wichtig: sich mediengerecht in Szene zu setzen. Immer mehr Spielzeugproduzenten setzen auf Themenwelten, um die jungen Käufer zu begeistern.Es ist kurz nach 9 Uhr. Die rund 70 Spielwarenhersteller aus aller Welt haben für die Medien und Fachbesucher die schöne neue Spielwarenwelt inszeniert und zahlen dafür zusätzlich zu ihrem Messeauftritt.

Ohne Kindermodels oder einen Prominenten kommen die Unternehmen im Kampf um die Aufmerksamkeit der Medien nicht mehr aus. Denn die vermeintlichen Trends für das neue Jahr sollen ins rechte Bild gerückt werden.

Auch der Göppinger Modelleisenbahn-Hersteller Märklin hat aus früheren Auftritten gelernt. Auf der Neuheitenschau montieren ein Mädchen und ein Junge die Gleise für den Circus Mondolino. Mit der neuen kindgerechten Themenwelt 'Zirkus' wollen die Göppinger vor allem jüngere Kinder für die Marke Märklin gewinnen.

Die großen Modellbahnfans dürften sich an der High-Tech-3D-Brille Mobile Vision freuen. Über Funk mit einer Kamera an der Spitze der Lok verbunden, versetzt die neue 800 EUR teure Technik den Spieler in den Blickwinkel des Lokomotivführers. Das ist so spannend, dass auch immer wieder Kindermodels von benachbarten Ständen bei Märklin hängen bleiben, und das freut Märklin-Pressesprecher Roland Gaugele. Da müssen die Göppinger nicht einmal die Konkurrenz einer leicht beschürzten Bauchtänzerin fürchten, die ein paar Meter weiter den Blickfang für das neue Spiel Suleika des Verlags Huch & Friends abgeben.

War die Neuheitenschau vor zwei Jahren noch vom Rummel der Fußballweltmeisterschaft bestimmt, so spielt die kommende Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich nur eine Nebenrolle. 'In Deutschland ist die Vorfreude noch nicht so groß, dass sie das Geschäft mit Merchandising-Artikeln groß angekurbelt hätte', sagt Peter Ruf, Chef der Firma Living Picture, die vom T-Shirt mit blinkender Nationalflagge bis zu den Perücken in Landestracht, ein breites Spektrum an Fußballdevotionalien anbietet. Ruf freut sich an der Euphorie in der Schweiz, Osteuropa und Frankreich, die dem Unternehmen, das ausschließlich in China fertigt, 2008 einen Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe bescheren wird.

Blickt man sich am Fußball-Neuheitenstand um, so herrscht hier ein ähnliches Bild wie in den Vorjahren. Asiatische Hersteller präsentieren immer ausgefeiltere, ferngesteuerte Helikopter, Raumschiffe und Roboter. Das zeigt ebenso wie interaktive Brettsspiele oder ein elektronisch aufgepeppter Kuschel-Golden-Retriever: Die Verschmelzung von Elektronik und Spielzeug ist kein Trend mehr, sondern längst Wirklichkeit.

Erfrischend natürlich kommt da Fischertechnik daher. Für sein Bastelset aus Kartoffelstärke ist das Unternehmen aus Waldachtal mit dem Verbraucherpreis 'Spielzeug des Jahres' ausgezeichnet worden, sagt Fischertechnik-Geschäftsführer Marcus Keller und verweist auf zweistellige Wachstumsraten. Nach der Prinzessinen-Box für Mädchen kommt nun das Set für junge Piraten heraus, mit der die Jungs Augenklappen, Kompasss und anderes basteln können.

Für das Kartoffelstärke-Produkt interessiert sich sogar Spitzenkoch Johann Lafer. Denn dessen siebenjähriger Sohn hat nichts mit Kochen am Hut, schon eher mit Piratenleben. Vater Johann stellt gegenüber ein Quiz der guten Küche vor, das er mit dem Günzburger Hutter-Verlag geschaffen hat. Passsend zum Thema ist das Spielbrett ein bedruckter Teller von Villeroy & Boch.

Nach vier Stunden heißt es für die Hersteller: zusammenpacken. Welche der rund eine Million Spielwaren, die die 2700 Aussteller in Nürnberg bis zum 12. Februar zeigen, sich letztendlich durchsetzen wird, weiß heute noch niemand. Denn darüber entscheiden ganz allein die kleinen und großen Spielefans in den kommenden Monaten.
© Südwest Presse 07.02.2008 07:45
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