TIPP DES TAGES / Fluggäste haben bei Verspätungen und Ausfällen Rechte

Airline muss Alternative bieten

Für gestrichene Verbindung gibt es bis zu 3500 Euro - Ausnahme 'höhere Gewalt'
  • Fast jedes vierte Flugzeug startet vom Frankfurter Flughafen bei innereuropäischen Flügen verspätet. Bislang konnten sich Airlines leicht vor Entschädigungen drücken. Dies könnte sich bald ändern. FOTO: dpa
Seit Jahren sind Fluglinien gezwungen, bei Verspätungen, Überbuchungen und Ausfällen zu zahlen. Viele aber drücken sich, und häufig kennen Passagiere ihre Rechte nicht. Dabei können Fluggäste auf Mahlzeiten, Übernachtungen oder Vergütungen von bis zu 3500 Euro pochen.'Overbooking' ist der Albtraum eines jeden Vielfliegers. 'Overbooking' heißt nichts anderes, als dass ein Flugzeug überbucht ist. Rund eine Viertel Million Fluggäste erleben das jedes Jahr, wenn sie an einem der europäischen Flughäfen einchecken. Sie haben ein Flugticket erworben und einen Platz reserviert. Dann teilt ihnen die Airline mit, dass ihr Flug voll sei und verweist auf einen späteren. Ärgerlich sind auch Verspätungen, die den Fluggast stundenlang in langweiligen Terminals festsitzen lassen. Und noch ärgerlicher ist es, wenn der Flug gleich ganz gestrichen ist.

Die Europäische Union hat sich dieser Hindernisse bei Flugreisen angenommen und 2005 die Rechte der Passagiere europaweit gesichert. Damit sie beim Verbraucher auch ankommen, hat man Broschüren gedruckt, die in den Reisebüros oder auch am Flughafen ausliegen. Viele Beschwerden aber zeigen, dass die Ansprüche nur auf dem Papier stehen. Die Airlines verkaufen Verspätungen aus technischen Gründen gerne als 'außergewöhnliche Umstände' - und sparen so die fälligen Entschädigungszahlungen. Denn 'außergewöhnliche Umstände' oder 'höhere Gewalt' fallen aus der EU-Verordnung heraus. Beim Europäischen Gerichtshof EuGH ist derzeit die Klage eines couragierten Passagiers anhängig, der für eine Verspätung wegen eines Maschinenschadens keine Entschädigung erhielt. Erst wenn die Richter gesprochen haben, wird es Klarheit über derartige Fälle geben.

Andererseits zeigen Umfragen, dass trotz aller Informationskampagnen viele Passagiere nicht wissen, was ihnen eigentlich zusteht. Dabei regelt die EU-Verordnung 261/2004 die drei häufigsten Ärgernisse. So hat jeder Fluggast Anspruch auf Betreuungsleistungen - auf Verpflegung und Hotel - wenn er trotz gültigen Tickets wegen Überbuchung nicht mitgenommen wird. Eine anderweitige Beförderung zum frühest möglichen Zeitpunkt muss garantiert sein. Zunächst aber ist die Airline verpflichtet, nach Freiwilligen zu suchen, die bei bestimmten Gegenleistungen bereit sind, von ihrer Buchung zurückzutreten. Findet sich niemand, winken Vergütungen: 250 EUR bei Flügen unter 1500 Kilometern, 400 EUR bei Distanzen über 1500 Kilometern innerhalb der Union, bei längeren Strecken zwischen 1500 und 3500 EUR.

Ist für Lufthansa, Alitalia, Air Berlin und Co. eine große Verspätung von mindestens zwei oder drei Stunden absehbar, so sind sie verpflichtet, ihren Gästen Mahlzeiten und Erfrischungen sowie Hotelunterbringung zu bieten und zwei Anrufe zu ermöglichen. Bei Verspätungen von fünf Stunden und mehr steht die Erstattung des Flugscheins an.

Schreckgespenst aller Flugreisenden sind die 'Cancelled'-Chiffren auf der Anzeigentafel. Dann ist der Flug gestrichen. Die Gesellschaft muss Alternativen bieten. Tut sie dies nicht oder sind diese nicht akzeptabel, dann ist die vollständige Rückerstattung des Tickets fällig. Leer geht der Kunde allerdings bei 'höherer Gewalt' aus. Diese Erfahrung machten gerade Tausende von Reisenden auf den Londoner Airports. Denn Sicherheitsprobleme wie Bombenalarm fallen ebenso unter diese Kategorie wie extreme Wetterlagen und Vogelschlag, das heißt Vögel, die in das Triebwerk eines Flugzeugs geraten.

Immer häufiger kommt es vor, dass der Fluggast nach der Ankunft zum Gepäckband geht, aber der Koffer lässt auf sich warten. Ist das gute Stück verloren, steht Schadenersatz an. Die zu zahlende Höchstgrenze ist dabei unabhängig vom Gewicht. Die Lost-and-Found-Spezialisten der Airline berechnen die Entschädingssumme aufgrund des Inhalts, den der Kunde angibt. Passagiere können auch dann Schadenersatz fordern, wenn der Koffer erst Tage später nachgeliefert wird. Dann können sie Ersatzkleidung und Toilettenartikel in Rechnung stellen.
© Südwest Presse 19.07.2007 07:45
627 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?