KONJUNKTUR / Mehrwertsteuererhöhung hat kaum geschadet

Aufschwung wie aus dem Bilderbuch

  • In den USA gehen Verbraucher nun sorgfältiger mit Benzin um. FOTO: AP
Die deutsche Wirtschaft wächst und wächst - und überrascht selbst Optimisten. Der Bilderbuch-Aufschwung hat sich auch von der Mehrwertsteuererhöhung zum Jahresbeginn kaum bremsen lassen. Und ein Ende des Booms ist noch nicht absehbar.Nach dem Zuwachs von 0,5 Prozent im ersten Quartal stehen die Chancen gut, dass die Konjunktur noch mehr Gas gibt. Viele Ökonomen haben erneut ihre Prognosen angehoben und erwarten 2007 ein dickes Plus von rund 2,5 Prozent. Rechnet man den Mehrwertsteuereffekt heraus, würde eine Drei vor dem Komma stehen. Das Gute daran ist, dass 2008 noch besser ausfallen soll. Dann gäbe es in Deutschland drei Jahre hintereinander sattes Wachstum. Nach langer Durststrecke ist Deutschland, einst als 'kranker Mann Europas' gescholten, wieder die Konjunkturlokomotive Europas und übertrifft sogar die USA.

'Wir nehmen Fahrt auf für den Gipfelsturm, der 2008 stattfindet', sagt der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater. Auch 2009 müsse keineswegs der Abstieg kommen, ein Ende des Aufwärtstrends sei nicht abzusehen: 'Es kann komfortabel so weitergehen.' Die Deutsche Bundesbank geht davon aus, dass Deutschland erst am Anfang eines Konjunkturaufschwungs steht, der sich in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Deutschland sei wie 'Phönix aus der Asche' wieder aufgetaucht, schreibt die Bank of America. So gut wie jetzt ist es Deutschland zuletzt nach dem Börsenboom 2000 und nach der Wiedervereinigung gegangen - beides waren aber Sonderkonjunkturen.

Der jetzige Aufschwung gilt als typisch deutsch, weil er einige Besonderheiten hat, die in anderen Ländern fehlen. Nach einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat Deutschland seine Krise nach der New-Economy-Ära überwunden, weil sich der konsequente Sanierungskurs vieler Unternehmen jetzt auszahlt. Die Kostendisziplin habe die Gewinne gesteigert und eine gute Basis für Investitionen gelegt.

Als Folge steigen die Löhne und die Beschäftigung, was den lange vor sich hin siechenden Konsum robuster macht. Auch die moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre und die Reformen am Arbeitsmarkt (Hartz IV) gelten als Erfolgsfaktoren, die Deutschland stärken.

'Die deutsche Konjunktur steht endlich wieder auf zwei Beinen', sagt der Chefvolkswirt der Dresdner Bank, Michael Heise. Der Aufschwung werde immer mehr von der Binnenkonjunktur angetrieben. Für neuen Schwung sorgt die rasante Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt. Allein in den letzten zwölf Monaten sind eine halbe Million neue Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit wird 2008 nach Erwartung der Bundesregierung auf weniger als 3,5 Millionen sinken.

'Die Erholung am Arbeitsmarkt schafft gemeinsam mit den Lohnerhöhungen Einkommen und Zuversicht. Das ist die Voraussetzung für die Zündung einer neuen Stufe der Konjunkturrakete in diesem Jahr', sagt Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Die Unternehmen könnten die höheren Tarifabschlüsse derzeit gut wegstecken.

Zudem macht die Globalisierung alles leichter. Exportweltmeister Deutschland bietet mit Maschinen, Autos und Chemieprodukten derzeit die gefragtesten Waren feil. 'Als Spezialist für Investitionsgüter profitiert Deutschland außergewöhnlich stark vom weltweiten Aufschwung', sagt Elga Bartsch von Morgan Stanley. Die Nachfrage aus Asien, Osteuropa und den Ölländern gleiche den Wettbewerbsnachteil der Euro-Aufwertung aus. Selbst die Abkühlung der Konjunktur in den USA könne dem Aufschwung nichts anhaben. 'Die alte Regel gilt nicht mehr, dass Deutschland die Grippe bekommt, wenn die USA Schnupfen haben', sagt Holger Schmieding von der Bank of America.

Einige Sonderfaktoren haben im ersten Vierteljahr zusätzlich geholfen. Der milde Winter war ein Segen für den Bau und den Arbeitsmarkt. Das warme Wetter hat die Verbraucher geschont, die sich über niedrigere Heizkosten freuten. Das Geld können sie jetzt für andere Dinge ausgeben. Zudem gibt es in diesem Jahr Vorzieheffekte bei den Investitionen, weil sich die Abschreibungsmöglichkeiten Anfang 2008 verschlechtern.

Risiken für den Aufschwung sind steigende Ölpreise, eine dauerhafte Aufwertung des Euro oder eine Abkühlung der Weltkonjunktur. Die größte Gefahr sehen Ökonomen aber darin, dass der Reformeifer der Politik nachlässt. 'Es ist keine Dynamik mehr zu erkennen', kritisiert Heise. Reformen bei der Unternehmens- und Einkommenssteuer, am Arbeitsmarkt sowie eine Lockerung des Kündigungsschutzes seien dringend notwendig. 'Denn jeder Aufschwung ist zyklisch und wird irgendwann wieder abflauen.'
© Südwest Presse 16.05.2007 07:45
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