LANDWIRTSCHAFT / Der Agrarminister stellt sich seinen Kritikern

Seehofer: Von Desinteresse am Amt keine Spur

  • Landwirtschaftsminister Horst Seehofer macht seinen Job mit Begeisterung. Im Bild besuchte er den Rossmarkt in Berching in der Oberpfalz. FOTO: dpa
Der Bundesagrarminister landwirtschaftlich desinteressiert? Einen solch happigen Vorwurf wollte Horst Seehofer nicht auf sich sitzen lassen. Kurzfristig traf er sich mit seinen Kritikern aus dem Land. Im Flughafen Stuttgart kam es zur Aussprache mit Bauernfunktionären.Horst Seehofer hat derzeit mächtig zu kämpfen. Er greift nach dem Vorsitz in der CSU. In den nächsten Monaten entscheidet sich, ob er seine politische Karriere krönen kann mit einem Posten in der ersten Reihe der Macht in Deutschland. Ein Handicap behindert ihn dabei: Berichte über eine Liäson mit einer Berliner Juristin.

Ein Mann mit solch politischem und privatem Stress - kann der sich noch mit aller Kraft um seine Hauptaufgabe kümmern, dem Amt als Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz? In der Bauernschaft regen sich Zweifel am Engagement des Ministers für ihren Berufsstand.

Während der gemeinsamen Hauptversammlung der Kreisbauernverbände Rottweil und Tuttlingen am 3. März formulierte Geschäftsführer Gerd Manger die Kritik. Ein Parteiwechsel von Grün zur CSU habe den Landwirten wenig Unterstützung eingebracht, bedauerte er, und Seehofer gelte an der Basis 'leider als landwirtschaftlich desinteressiert'. Für diese Sätze erhielt Manger tosenden Beifall. Zustimmung erntete Manger auch mit seiner Klage über den 'Bürokratiedschungel' in der Landwirtschaft. Bei Volker Kauder, Chef der Unionsfraktion im Bundestag, der im Saal saß, schrillten die Alarmglocken.

Beim Frühstück mit der Kanzlerin erzählte Kauder Seehofer von dem Unmut an der Basis. Was tun? Seehofer entschied, sich seinen Kritikern zu stellen. So kam es. Demonstrativ gelassen traf sich Seehofer am Stuttgarter Flughafen mit den Kreisobmännern Gerold Teufel (Rottweil) und Wilhelm Schöndienst (Tuttlingen) und ihrem Geschäftsführer Manger. Auch Bauernpräsident Joachim Rukwied stieß dazu. Während sich draußen in der Abendsonne Flaggen sanft im Wind bewegten, kam Seehofer zur Sache. Ein Vorwurf, bekannte er, habe ihn am meisten getroffen: Dass er sich nicht für seine Arbeit interessiere. Er nahm mit den Bauernfunktionären Blickkontakt auf und versicherte: 'Das ist ein schönes Amt. Ich bin total mit dabei.' Mit einem Lächeln fügte er hinzu: Wenn er früher gewusst hätte, wie befriedigend die Aufgabe als Agrarminister sei, hätte er die Schleife über das Gesundheitsministerium vermieden - das leitete er von 1992 bis 1998.

Temperamentvoll, aber ohne Schärfe setzte sich Seehofer weiter zur Wehr. Zu Beginn seiner Amtszeit als Agrarminister im Herbst 2005 'mussten Bauern nach Paris fahren, um ihre Interessen in Brüssel zu vertreten', sagte er. Das habe sich völlig verändert. Er, Seehofer, streite für die Belange der Landwirte in Berlin und in Brüssel. So stark, dass er schon als 'totaler Lobbyist in der Politik' gelte.

Als Beispiel für seinen Einsatz nannte Seehofer die landwirtschaftliche Unfallversicherung. Um einen Beitragsanstieg zu vermeiden, verkaufe er für 270 Mio. EUR Bundesvermögen und Darlehensforderungen des Bundes - 'keine Selbstverständlichkeit'. Auch in der Krankenversicherung bleibe es durch Bundeszuschüsse bei der beitragsfreien Mitversicherung von Familienmitgliedern. Beim Bürokratieabbau, versicherte der Minister, 'führen wir einen Tapferkeitsnachweis'.

Zwei Stunden und zehn Minuten diskutierten die Männer, friedlich zwar, aber sich schon mal ins Wort fallend. Seehofer vermochte seine Gesprächspartner nicht in allen Punkten zu überzeugen. Doch ihren Respekt gewann er.
© Südwest Presse 14.03.2007 07:45
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