HAUPTVERSAMMLUNGEN / Beschimpfungen, Drohungen, kuriose Auftritte und viele, viele Fragen

Wenn die 'Räuber' ans Mikrofon treten

Warum Aktionärstreffen ausarten können - Manche Anteilseigner wollen Geld und nicht nur Dividende
  • Hauptversammlungen sind für manche Aktionäre willkommene Gelegenheit zum Auftritt. Einige wenige missbrauchen auch ihre Rechte. FOTO: ddp
Bald ist die Hauptversammlungssaison in Deutschland wieder in vollem Gange - und so genannte Berufsopponenten in ihrem Element. Sie erhoffen sich nicht nur öffentlichkeitswirksame Auftritte, sondern manchmal auch viel Geld- bisweilen jenseits des Rechtmäßigen.LAUPHEIM· Drei Stunden währt die Hauptversammlung der Kässbohrer Geländefahrzeug in Laupheim schon, als es erstmals richtig kracht. 'Bösartigkeit' vermute sie, sagt Aktionärin Caterina Steeg aus Höchberg, Bösartigkeit vom Vorstand, weil der die Fragen ihrer Vorredner nur höchst unvollständig beantwortet habe. Weitere Beschimpfungen, Drohungen mit rechtlichen Schritten und viele, viele weitere Fragen folgen.

Alltag bei Hauptversammlungen in Deutschland. Die Saison geht in den nächsten Wochen erst richtig los. Dass der Hersteller von Schneeräumfahrzeugen, die unter dem Namen Pisten-Bully Weltruf erlangt haben, schon jetzt dran ist, liegt an seinem abweichenden Geschäftsjahr.

Mehr als 20 Mrd. EUR werden die deutschen Aktiengesellschaften in den nächsten Monaten nach den Hauptversammlungen an ihre Anteilseigner ausschütten. Aus dieser gigantischen Summe wird schon deutlich, dass die Aktionärstreffen mehr als Pflichtveranstaltungen sind, wenngleich in den meisten Fällen die Mehrheitsverhältnisse so eindeutig sind, dass die Hauptversammlung (HV) Anträge von Vorstand und Aufsichtsrat der Gesellschaft kaum würde ändern können.

Manchmal sind die Veranstaltungen mehr als eine bloße Pflicht. Manchmal sind sie das reine Vergnügen, etwa dann, wenn besonders talentierte Aktionäre in 'die Bütt steigen' und dieselbe zu einer Art Karnevalsveranstaltung umfunktionieren. Da werden dann schon mal die Kriegserlebnisse in allen Details erzählt, Witze zum Besten gegeben oder die Gelegenheit benutzt, Probleme mit den Erzeugnissen der Hersteller vor versammelten Publikum auszubreiten, um auf Besserung zu hoffen.

Das funktioniert meistens, wie eine begeisterte Aktionärin unlängst auf der Porsche-Hauptversammlung kundtat und sich artig für die Abschaffung der Mängel bei ihrem Sportwagen bedankte.

Manchmal sind es aber auch Krawallveranstaltungen, auf der dann schon einmal unliebsame Redner ausgebuht, beschimpft oder Aktionäre herausgetragen werden, wie der Würzburger Betriebswirtschaftsprofessor Ekkehard Wenger bei einer Daimler-HV in den 90er Jahren, als er eine Sprechzeitbegrenzung renitent nicht hinnehmen wollte.

Wenger war auch gestern in Laupheim zugegen, der letzten ihrer Art für den Nutzfahrzeughersteller, vermutlich. Denn der Mehrheitseigner, die dem Ulmer Unternehmer Ludwig Merckle zuzurechnende Modular GmbH, will die AG vom Amtlichen Handel der Börse nehmen. 'Delisting' nennen Fachleute das, und wahre Hauptversammlungs-Experten fühlen sich bei solchen Begriffen auf den Plan gerufen.

'Das ist doch klar, worauf das hinausläuft', betont Matthias Gäbler in einer Pause. Gäbler ist selbst Dauer-Redner auf Hauptversammlungen, verdient sein Geld mittlerweile aber damit, Gesellschaften richtig auf diese Veranstaltungen vorzubereiten und ihnen rechtlichen Ärger und hohe Folgekosten zu ersparen. 'Das gibt Anfechtungsklagen und ein Schiedsspruchverfahren', ist er sich sicher.

Überraschend wäre das nicht, denn mancher professionelle Redner legt es darauf an - und provoziert entsprechend: Durch eine Vielzahl von Fragen, die jedes noch so unwichtige Detail ausleuchten sollen, und durch wüste Beschimpfungen. 'Volksverdummung', 'schweinisch', 'freihändiger Beschiss' - alles ist möglich bei Aktionärstreffen wie diesem in Laupheim.

Durch die Ausfälle sollen die Beteiligten zu Fehlern gezwungen werden, die wiederum den Anlass für Anfechtungsklagen liefern sollen; dazu zählt auch, wenn Fragen nicht oder nicht korrekt beantwortet oder formale Versäumnisse nachgewiesen werden - etwas nicht dafür zu sorgen, dass jeder Redner überall, sogar auf der Toilette, zu hören ist.

Und diese Versäumnisse sollen sich für die Kläger letztendlich rechnen. Denn weil Klagen nicht nur lästig sind, sondern auch teuer werden können, vor allem, wenn Entscheidungen aufgehoben und Hauptversammlungsbeschlüsse annulliert werden, vergleichen sich manche Gesellschaften mit ihren Kritikern. Die werden in der Branche auch 'räuberische Aktionäre' genannt werden und sind trotz des neuen 'Gesetz zur Unternehmensintegrität und Modernisierung des Anfechtungsrechtes', das gerade Auswüchse verhindern soll, 'beileibe nicht' ausgestorben, wie Gäbler weiß.

Berufsopponenten

Zwischenrufer und Hauptredner fordern Beträge von '100 000 EUR an aufwärts' - und bekommen zum Teil Millionen in Form von Beraterverträgen, überhöhten Anwaltsgebühren oder Leistungshonoraren. Zugeben wirds keiner, weils ja auch nicht rechtmäßg ist. Aber lohnen tut sichs noch immer. So werden die Erpressungsversuche der Berufsopponenten nur bekannt, wenn ein Unternehmen damit an die Öffentlichkeit geht wie beim Altenheimbetreiber Refugium. Der zeigte einen Aktionär an, weil der 1,4 Mio. EUR verlangt haben soll, um seinen Widerstand einzustellen. Bekannt ist auch, dass manche Forderungen vorgebracht und erfüllt werden, damit bestimmte Fragen auf der Hauptversammlung gar nicht erst formuliert werden.

Mittlerweile ist die achte Stunde auf der Kässbohrer-HV erreicht, ein Ende nicht absehbar. Die Fragen gehen Frau Steeg, einer wirklichen Expertin in Sachen Bilanzen, die in vielen Fällen mit ihren Äußerungen sachlich richtig liegt, nicht aus; dafür wird ihr Ton schärfer, diktiert sie dem Notar Widersprüche ins Mikrofon und vergreift sich immer häufiger im Ton. Hauptversammlungsalltag in Deutschland.
© Südwest Presse 17.02.2007 07:45
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