KORRUPTION / Experten: Verhaltensregeln reichen nicht

Aktiv bekämpfen

Gegen Korruption hilft nur aktives Ankämpfen. Dies raten Experten den Unternehmen. Sich auf Verhaltensregeln zu verlassen, reiche dafür nicht aus.Firmen müssen Korruption nach Einschätzung von Experten aktiv bekämpfen. 'Korruption ist ein Kontrolldelikt', sagte Stefan Heißner, Korruptionsexperte bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, in München. Fälle würden meist nur durch aktive Maßnahmen oder Hinweise aufgedeckt. Kontrollen müssten daher auch extern vorgenommen werden. 'So sollten zum Beispiel bei Mitarbeitern auf sensiblen Posten im Rahmen von Integritätsanalysen Verbindungen zu wichtigen Kunden überprüft werden, um Interessenkollisionen zu vermeiden.' Auch die Experten von Transparency International und von Control Risks betonen, dass es nicht ausreicht, intern Verhaltensregeln aufzustellen.

Die Finanzaffäre bei Siemens erschüttert derzeit die deutsche Wirtschaft. Bei Deutschlands größtem Elektrokonzern soll eine Reihe von Mitarbeitern ein System schwarzer Kassen aufgebaut haben, um Schmiergelder für Aufträge im Ausland zu bezahlen. Bei der Affäre handelt es sich nach Expertenansicht um keinen Einzelfall, sondern nur um die Spitze des Eisbergs.

Maxim Worcester, Managing Director beim weltweit aktiven Beratungskonzern Control Risks, betont, dass kein Unternehmen gezwungen sei zu schmieren. 'Es muss keiner mitmachen.' Zum einen bekämen viele Unternehmen ihre Aufträge auch im Ausland auch ohne zu zahlen. 'Das ist wie beim Flugzeug, da bekommt man auch nichts mit, wenn es sicher landet.' Zudem sei der Schaden, der für das Unternehmen durch Korruption entstehen kann, in der Regel viel größer als der Ertrag durch einen Einzelauftrag.

Das Aufstellen von Verhaltensregeln reicht nach Einschätzung Worcesters nicht aus. 'Sie müssen auch nach innen und außen gelebt und vertreten werden.' Die Beratungsfirma stellt vielfach fest, dass die Regeln in den Unternehmen kaum bekannt sind. 'Das muss von den Chefs und Managern immer wieder thematisiert werden.' Neben klar definierten und verständlichen Regeln gebe es bewährte Kontrollen, wie zum Beispiel das Vier-Augen-Prinzip und die regelmäßige Job-Rotation, sagt Korruptions-Experte Heißner von Ernst & Young. Ein externer Ombudsmann, an den sich Mitarbeiter anonym wenden können, sei ebenfalls hilfreich. Eine solche Stelle hatte Siemens nach Bekanntwerden der Affäre eingerichtet. Die Anti- Korruptions-Organisation Transparency wies allerdings darauf hin, dass der Schritt sehr spät kam. 'Das hatten wir schon lange vorgeschlagen', sagte der stellvertretende Vorsitzende Peter von Blomberg.

Heißner glaubt nicht, dass die Zahlung von Schmiergeld für Auslandsaufträge in renommierten Unternehmen stillschweigend toleriert wird. Zwar gebe es sicher Regionen in der Welt, in denen es schwer sei, ohne Sonderzahlungen einen Auftrag oder eine Genehmigung zu bekommen. Allerdings habe spätestens, seit Auslandsbestechung in Deutschland bestraft wird, ein Umdenkprozess stattgefunden.
© Südwest Presse 05.01.2007 07:45
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