ASTROLOGIE / Die Wahrsagerei-Branche boomt - vor allem zum Jahreswechsel

Die Sterndeuter sind auf dem Weg nach oben

  • Der Blick in die Zukunft ist mit Karten, Rauch, Hellsehen und dem bewährten Kaffeesatz möglich. FOTO: ERWIN WODICKA
In der Hellseherei gibt es vieles: Hellfühligkeit, Schamanismus, Pendeln, I Ging, Engelkontakt, Lesen aus Rauchzeichen - und natürlich Horoskope. Die Branche boomt dabei nicht nur an Silvester, in Deutschland gibt es Tausende von Zukunftsdeutern. Ein Selbstversuch.Brigitte kennt mich. 'Bei Ihnen ist generell viel los', startet die Sternen-Deuterin die Unterhaltung. 'Beruflich geht es sehr turbulent zu.' Leider nicht nur positiv: 'Die Sonne beeinflusst ihren Beruf nicht optimal - und das auf Jahre hinweg.' Schade eigentlich. Aber dafür stimme es ja beim Geld und der Liebe, tröstet sie mich. Dennoch sollte ich besser nicht heiraten: 'Getrennte Wohnungen und offene Beziehungen sind für Sie besser.'

Brigitte ist eine von angeblich 2500 Experten der Berliner Questico AG, dem größten Unternehmen für Wahrsagerei in Deutschland. 1572 Gespräche hat Brigitte dort schon mit Ratsuchenden geführt, steht auf ihrer Questico-Seite im Internet. 1,71 EUR sind dafür pro Minute fällig. Zum Wahrsagen benötigt die ausgebildete Psychoanalytikerin Geburtstag, -zeit und -ort der Anrufer. Sollten die Daten aber nicht zur Hand sein, reicht ihr freilich auch nur der Name des Ratsuchenden, um Fragen 'auf medialer Ebene mit Unterstützung ihrer Hellsichtigkeit und Kontakten zur geistigen Welt zu beantworten'. Eher prosaisch klingt ihre Losung: 'Es gibt immer einen Weg - ich zeige ihn dir!'

Die Zukunftsdeutung ist ein boomender Markt - vor allem zur Jahreswende. 'Wenn ein altes Jahr zu Ende geht, steigt die Lust der Menschen auf Prophezeiungen', sagt Peter Niehenke, Leiter des Astrologiezentrums Freiburg. Nach einer Forsa-Umfrage glaubt ein Viertel der Deutschen an Sternzeichen und Geburtshoroskope. Etwa 6000 Astrologen soll es hierzulande geben. Nach Schätzungen der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchungen von Parawissenschaften (GWUP) werden laut 'einer vorsichtigen Schätzung jährlich etwa 150 Mio. EUR umgesetzt'. Andere Experten halten sogar 500 Mio. EUR und mehr für möglich. Der einzig gemeinsame Nenner einer Vielzahl untereinander zerstrittener astrologischer Schulen ist dabei die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen der Stellung von Gestirnen und irdischen Geschehnissen.

Sylvius Bardt interessiert das alles nicht. Der Mitbegründer von Questico hat sich zwar selbst noch nie ein Horoskop geben lassen. Sein eigener Sender Astro TV ist aber über Satellit theoretisch in 15 Mio. Haushalten zu empfangen und sendet nach eigenen Angaben bis zu 22 Stunden täglich. Zusätzlich werden weitere Fernseh-Sender, Zeitungen und Zeitschriften mit den Sternen-Deutungen versorgt. Außerdem gibt es die eigene Zeitschrift 'Zukunftsblick'. Der Umsatz der Aktiengesellschaft soll bei 45 Mio. EUR liegen.

Die Beratung findet bei Questico hauptsächlich über Telefon statt. Hellfühligkeit, Schamanismus, Kartenlegen, Pendeln, I Ging, Engelkontakt und Lesen aus Rauchzeichen: Der Deutungen gibt es viele. Die Themen drehen sich vom Geld über Partnerschaft bis hin zum richtigen Auto oder dem optimalen Zeitpunkt des Hausputzes. Vor allem Frauen über 30 Jahren, die nicht selten alleine sind, gehören zu den Anruferinnen.

'Auch Teenies interessieren sich für Horoskope', weiß GWUP-Experte Michael Kunkel. 'Aber sie haben oft nicht das Geld, anzurufen und lesen lieber in Teenie-Zeitschriften Trivial-Horoskope.' Diese werden oft von Autoren-Teams erfunden. Es gibt aber auch Astrologen, die für ein 35-seitiges Gutachten mehrere 1000 EUR verlangen, weiß Kunkel. Insgesamt können Astrologen aber nur selten von ihrer Nebentätigkeit leben. Der Astrologe Detlef Hover hat 163 Kollegen befragt, wovon nur jeder sechste nicht auf ein zweites Standbein angewiesen war.

Auch wenn es unter Astrologen Unternehmensberater und Psychologen gibt, können Wissenschaftler der Sternendeuterei normalerweise nichts abgewinnen. Astronom-Professor Dieter B. Herrmann ist davon überzeugt, dass die Sterne keinerlei Einfluss auf die Menschen ausüben: 'Die Sterne dienen lediglich als Vehikel. Man könnte sie ebenso durch Kaffeesatz oder Tintenklecksmuster ersetzen.' Bei der Untersuchung von Übereinstimmungen war die Trefferquote so niedrig wie die von Laien, die nach dem Zufallsprinzip vorgingen. Skeptiker Edgar Wunder kommt auf nur 4 Prozent.

Kunkel kennt auch die Tricks der Sternedeuter: 'Der Mensch bezieht richtige Allgemeinaussagen immer auf sich.' Das 'Cold Reading' (kalte Lesen) etwa erweckt ohne wirklichen Hintergrund über den Gesprächspartner das Gefühl eines vorhandenen Wissens. In einem Selbsttest hat es so ein Wissenschaftler geschafft, Leute mit Aussagen über sie zu begeistern.

Auch Brigitte sagt zu mir, nachdem im Hintergrund laute Gespräche zu hören sind: 'Und mit Kollegen haben sie Probleme.' Aber auf wen trifft das nicht zu? Dazu kommen Allgemeinplätze wie: 'Sie haben immer den Eindruck, dass anderen Dinge in den Schoß fallen, die Sie sich hart erarbeiten müssen.' Auf meine etwas verunsicherte Stimme bemerkt sie: 'Sie müssen sich besser ins rechte Licht rücken.'

Woher sie allerdings von meiner extrem guten Geldsituation wusste, ist mir völlig unklar. Vielleicht greift hier einfach das Motto von Brigitte: 'Es gibt doch so viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die unbestritten vorhanden sind.'
© Südwest Presse 30.12.2006 07:45
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