Peter Bofinger geißelt Sparpolitik

Wirtschaftssymposium Bei der Konferenz zu Ehren von Wolfgang Stützel plädiert der Wirtschaftsweise für ein stärkeres Europa. Drei Studierende erhalten den Stützel-Gedenkpreis.
  • Der Würzburger Professor und Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat auf dem Aalener Stützel-Symposium ein stärkeres Europa als Antwort auf die Dominanz Chinas gefordert. Foto: Peter Hageneder

Aalen

Der Protektionismus von US-Präsident Donald Trump macht das problematische China zur dominanten Macht der Weltwirtschaft, die nötige Antwort darauf ist stärkere Zusammenarbeit in Europa, und Deutschland riskiert mit seinem Festhalten an Schuldenabbau und „schwarzer Null“ seine Zukunft: Dies waren einige der Thesen, die der Wirtschaftsweise Prof. Dr. Peter Bofinger als Hauptredner beim Stützel-Symposium an der Hochschule Aalen vertreten hat. Erstmals wurde bei der Veranstaltung ein Wolfgang-Stützel-Gedenkpreis verliehen.

Das Wirtschaftssymposium zu Ehren des Aalener Volkswirtschaftlers und Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Wolfgang Stützel (1925–1987) fand am Dienstag zum zweiten Mal statt. Der ursprünglich vorgesehene Hauptredner, der Freiburger Prof. Dr. Lars Feld, musste kurzfristig absagen: Er stand im Stau. Feld, der ebenfalls dem Sachverständigenrat der sogenannten Wirtschaftsweisen angehört, sollte über über die Reformen der Agenda 2010, ihre Folgen und den Aalener Wolfgang Stützel als einen ihrer möglichen Vordenker sprechen. Feld gilt als Vertreter des Ordoliberalismus und Verfechter von Marktwirtschaft und schlankem Staat.

Statt Feld trat spontan der Würzburger Peter Bofinger auf das Podium, der eigentlich nur ein Grußwort sprechen sollte. Bofinger vertritt eine andere Richtung, macht sich für nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik und staatliche Investitionen stark. Das wurde in seiner Kritik an der aktuellen Sparpolitik der Bundesregierung deutlich: „An der B 29 sieht man die schwarze Null“, sagte er im Bezug auf die staugeplagte Bundesstraße, in deren Ausbau zu lange kein Geld investiert worden sei.

Dass der Staat „seit Jahrzehnten“ an Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Personal spare, spiele jetzt sogar Rechtspopulisten in die Hände. In deren Logik gebe der Staat Geld für Zuwanderer aus, während manches Schulgebäude mangels Investitionen herunterkomme.

Bofinger nimmt EZB-Präsident Draghi in Schutz

Eine höhere Staatsverschuldung sei auch aus volkswirtschaftlicher Sicht zu begrüßen, so Bofinger, denn sie garantiere mit Staatsanleihen sichere Anlagepapiere: „Die Zinsen sind auch deshalb so niedrig, weil es kaum noch Schuldner gibt“, sagte er.

An der B 29 sieht man die schwarze Null.

Prof. Dr. Peter Bofinger
Wirtschaftsweiser

Der Wissenschaftler, der für eine stärkere europäische Zusammenarbeit in Wirtschaftsfragen plädierte, nahm den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, in Schutz: Jener gelte zu Unrecht als „Sparer-Schreck“. Vielmehr habe seine Niedrigzinspolitik dafür gesorgt, dass die Wirtschaft im Euroraum wieder wächst. Davon profitierten besonders deutsche Unternehmen. „Ist der Euro am Ende, so wäre Deutschland der Verlierer“, beteuerte Bopfinger, der den Brexit mit scharfen Worten geißelte. Mit dem EU-Ausstieg schwäche sich Großbritannien selbst: „Wie jemand, der sich ein Bein amputiert, weil er glaubt, mit einer Prothese besser gehen zu können.“

„Die Antwort auf alle Herausforderungen ist europäisch“, fügte er an. Das gelte umso mehr angesichts der protektionistischen Politik von US-Präsident Trump, der die Globalisierung zurückdrehen wolle. Die Globalisierung habe weltweit zu mehr Wohlstand geführt – es gelte nur, auch die Abgehängten an diesem Wohlstand zu beteiligen. Der US-Protektionismus führe stattdessen dazu, dass China als Bündnispartner immer wichtiger werde. Gerade das protektionistische und politisch problematische Reich der Mitte steige damit zur dominanten Macht der Weltwirtschaft auf. „Dabei wäre der richtige Weg gewesen: Wir alle gegen die Chinesen.“

In seinem Eintreten für Europa und den Euro sieht sich Bofinger auch in der Nachfolge Wolfgang Stützels. Dieser habe sich in Währungsfragen stets für übernationale Lösungen ausgesprochen.

Zum ersten Mal wurde auf dem Symposium, das unter der Schirmherrschaft der Stadt Aalen und der Fakultät Wirtschaftswissenschaften steht, der Wolfgang-Stützel-Gedenkpreis vergeben. Für besonders innovative Bachelor- und Masterarbeiten erhielten ihn die Studierenden der Hochschule Aalen, Michael Ditterle, Simon Frey und Sonja Lehmann. Die Laudatio hielt Hans-Peter Wittek, Geschäftsführer der Murrplastik Systemtechnik aus Oppenweiler, die den Preis gestiftet hat. Der Preis beinhaltet eine Reise nach Berlin inklusive eines Treffens mit den fünf Wirtschaftsweisen.

Grußworte sprachen Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler, der Rektor der Hochschule Aalen, Prof. Dr. Gerhard Schneider, sowie der Dekan der Fakultät Wirtschaftswissenschaften, Prof. Dr. Ingo Scheuermann.

© Wirtschaft Regional 03.07.2018 20:29
1637 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?