Nicole Ulsch erfindet praktischen Gurt

Malermeisterin aus Pommertsweiler geht an die Vermarktung ihrer Idee – Arbeiten auf der Baustelle revolutioniert

Was macht eine auf sich gestellte Malermeisterin, um ihren Arbeitsablauf zu optimieren? Sie geht unter die Erfinder und vermarktet ihr Produkt auch noch selbst. Hier ist die Geschichte von Nicole Ulsch.

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    Nicole Ulsch ist als Malermeisterin aus der Not heraus unter die Erfinder gegangen und hat einen speziellen Gurt mit Taschen entwickelt. (Fotos: Schumann)
Abtsgmünd-Pommertsweiler. Seit 2010 ist Nicole Ulsch mit ihrer Firma „Wohn Art“ quasi als Einzelkämpferin auf den Baustellen tätig. Die zweifache Mutter, die 1996 mit 22 Jahren ihre Meisterprüfung abgelegt hat, ist hauptsächlich im hochwertigen Innenausbau tätig. Exklusive Farbgestaltung, Wohnstilberatung, hochwertige Wandbeläge und auch Stuckarbeiten gehören zu den bevorzugten Arbeitsfeldern der 41-Jährigen. Vor zwei Jahren keimte die Idee auf, einen Gürtel mit spezifisch auf die eigenen Werkzeuge abgestimmten Taschen zu kreieren, um die Arbeitsabläufe als Malerin schneller, effizienter und sicherer zu bewerkstelligen – die Not der auf sich selbst gestellten Handwerkerin machte also erfinderisch.
Langsam wuchs die Idee, den Gürtel, den sie „Practica Cingulis“ nennt, patentieren zu lassen. „Eigentlich sollte jeder Handwerker so einen Gurt haben. Im November 2014 habe ich mein Produkt auf der Erfindermesse iENA in Nürnberg vorgestellt. Innovationen von Handwerkern fürs Handwerk – so sehe ich den Gurt“, sagt Nicole Ulsch stolz.
In den kommenden Wochen soll ihr der Durchbruch bei der Markteinführung gelingen. Eine eigene Homepage mit Internet-Shop ist im Aufbau. Erste Kontakte zum Großhandel seien geknüpft. „Ein Vertreter aus dem Großhandel hat mir gesagt, er wolle den Gurt sofort haben“, sagt sie.
Die „Erfinderin aus der Not heraus“, wie sie sich selbst nennt, steht im Esszimmer ihres Hauses in Pommertsweiler und demonstriert die Wirkweise ihres selbst entworfenen Gurtes. Flugs legt sie den Riemen an und verstaut in den darin über Gürtelklettschlaufen mit Steckschließen versehenen Taschen ihre Tapezierbürste, Klebebänder, Silikonkartuschen sowie ein scharfes Messer. Auch wenn sich Nicole Ulsch bückt und auf dem Boden kniet, hängen ihre Taschen frei am Gurt und hindern sie nicht bei der Arbeit. Die Gerätschaften und Werkzeuge fallen auch nicht heraus.
Sie bezeichnet diese Art des Arbeitens als revolutionär, da die Taschen auch höhenverstellbar sind und an die Größe und Armlänge des Nutzers anpassbar sind. „Meine Arbeitsweise als allein arbeitende Person hat sich grundlegend durch das geschützte Gürtelsystem geändert“, erklärt sie. In Windeseile demonstriert Nicole Ulsch, wie sie nun effizienter und gefahrloser arbeiten kann – einem Cowboy gleich, zieht sie die Werkzeuge aus den Taschen.
Nicht nur Nicole Ulsch ist fasziniert vom neuen Produkt. Sie wurde mit ihm als eine von zwölf Innovatoren ausgewählt, um bei der Internationalen Handwerksmesse bei der Sonderschau „Innovation gewinnt“ teilzunehmen. Dort erhielt sie im März eine gute Resonanz. Nicht nur Maler, sondern auch Elektriker, Messebauer, Schreiner, Zimmerer und Handwerker anderer Branchen interessierten sich für ihre Erfindung. „Nachdem ich das Produkt selbst durch Papierformen und selbst genähte Taschen nach vorne gebracht habe, suchte ich 2014 einen Produzenten für die Taschen. Erste Prototypen wurden gefertigt. Nun werde ich in Vorleistung gehen und einige Exemplare professionell von einer Näherei in Neckartenzlingen fertigen lassen. Die durchweg positive Resonanz auf der Handwerkermesse hat mich beflügelt und dazu animiert“, erzählt sie.
Das System, das in den nächsten Wochen auf dem Markt eingeführt werden soll und im eigenen Online-Shop erhältlich sein wird, wird bezahlbar bleiben. Eine Tasche koste zwischen 15 und 20 Euro. Nicole Ulsch will einzelne, auf Handwerksberufe abgestimmte Systeme, anbieten. So sei sichergestellt, dass ein konventioneller Gurt mit einer Handvoll Taschen unter 100 Euro kosten werde. Ihre Töchter Marietta und Emilia sowie Ehemann Martin stehen voll hinter ihrer Innovationskraft. „Der Gurt ist auch für Heimwerker gut geeignet. Die Patentschutzrechte sind bislang für Deutschland beantragt, sollen aber auf europäische Schutzrechte ausgeweitet werden“, erklärt sie.
Die innovative Malermeisterin ist beim innovativen Entwickeln noch einen Schritt weitergegangen und hat sich einen Rucksack aus dem gleichen waschbaren Material wie die Taschen gebastelt. Dieser fungiert gleichzeitig als Wäschebeutel wie als Transportmittel. „Wenn ich von Baustellen heimkomme und die Taschen und der Gurt verdreckt sind, packe ich alles in den Rucksack und stecke ihn in die Waschmaschine. Am nächsten Tag kann ich bereits wieder Gurt wie auch die Tasche benutzen“, sagt sie.
Mit einer Standardisierung ihres Systems möchte sie an die Innung sowie die Handwerkskammer herantreten, um ihre Idee möglichst breit publik zu machen. Anwendungsgebiet könnte auch die Berufsschule sein, wo Azubis den Gurt als Grundausstattung erhalten könnten. „Ich arbeite sehr viel entspannter auf den Baustellen. Ich bin überzeugt, dass meine Erfindung sich durchsetzen wird“, erklärt sie.
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© Wirtschaft Regional 11.05.2015 18:58
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