„Wir sitzen auf einem Pulverfass“

Wirtschaftssymposium Die Wirtschaftsweisen Lars Feld und Peter Bofinger kommen nach Aalen. Im Interview erklärt Prof. Dr. Ingo Scheuermann, warum die Politik noch viel von der Volkswirtschaftslehre lernen kann.
  • Ingo Scheuermann, Mit-Initiator des Wirtschaftssymposiums. Foto: Hochschule Aalen

Aalen

Zum zweiten Mal diskutieren bekannte Wirtschaftsexperten an der Hochschule Aalen. Beim von der Stadt und der Hochschule initiierten Wirtschaftssymposium zu Ehren von Prof. Dr. Wolfgang Stützel, gebürtiger Aalener und ehemaliger Wirtschaftsweiser, werden am 3. Juli in der Aula der Hochschule die Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Lars Feld sowie Prof. Dr. Peter Bofinger zu Gast sein. Zudem wird der Wolfgang-Stützel-Gedenkpreis an Studierende vergeben. Im Gespräch erläutert Initiator Prof. Dr. Ingo Scheuermann die Ziele des Wirtschaftssymposiums.

Herr Prof. Scheuermann, Welchen Stellenwert hat das Symposium für die Hochschule und die Fakultät?

Prof. Dr. Ingo Scheuermann: Das Symposium soll wegbereitend sein für eine breitere wirtschaftliche Diskussion hier vor Ort. Es ist im Rahmen des Studiums Generale angelegt, um eine breite Zuhörerbasis zu bekommen. Für unsere Studierenden ist es interessant zu hören, wie sich Meinungen und volkswirtschaftliche Ansätze entwickelt haben. Das Symposium soll zum Diskurs über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge anregen. Fest im Kalender der Hochschule Aalen verankert, soll es jährlich hochkarätige Persönlichkeiten und ihre Meinungen präsentieren.

Erhoffen Sie sich auch Erkenntnisse für die eigene Forschung?

Wir wollen unserer Forschung ein weiteres Element hinzufügen. Das Symposium soll profilbildend wirken. Vorstellen kann ich mir, über die wenig erforschten ökonomischen Folgen der Digitalisierung wissenschaftliche Arbeiten und Projekte anzuregen.

Wissenschaftliche Ansätze versuchen, ein möglichst hohes wirtschaftliches Wachstum in Staaten zu generieren…

Diese Ansätze spielen in der Ausrichtung der Wirtschaftspolitik eine wichtige Rolle. Die beiden grundlegenden Lehrmeinungen – einerseits die nachfragebasierten Positionen John Maynard Keynes’ und andererseits eine angebotsgetriebene Wirtschaftspolitik, die sich auch im Ordoliberalismus wiederfindet, den Prof. Lars Feld vertritt - bestimmen in unterschiedlichem und zeitlich wechselndem Maß die Entwicklung einzelner Volkswirtschaften. Diese Ideen und Ansätze sind einer Wellenbewegung unterworfen, was ihren jeweiligen Einfluss auf politisches Handeln betrifft.

Nimmt Politik volkswirtschaftliche Lehre nicht ernst?

Politik und Ökonomie verbindet eine gewisse Hassliebe.

Ingo Scheuermann
Professor an der Hochschule Aalen

Politik und Ökonomie verbindet eine gewisse Hassliebe. Manches aus der Lehre kann aufgrund von Lobbyisten nicht durch die Politik umgesetzt werden. Der Wunsch nach besserem Umsetzen ökonomischer Grundsätze bleibt aber bestehen. Generell möchte ich der Politik nicht unterstellen, dass sie sich nicht mit volkswirtschaftlichen Gegebenheiten auseinandersetzt.

Dennoch: Fehlt der Politik ein ökonomischer Sachverstand?

Es gibt Gremien, die ökonomisch gut besetzt sind und die Gewicht haben. Dazu gehören der Sachverständigenrat mit den Wirtschaftsweisen oder die Monopolkommission. Die Ministerialebene ist vielfach sehr gut besetzt. Dennoch könnte der Einfluss, vor allem auf oberster Entscheidungsebene größer sein. In Deutschland sind wir nicht so weit wie in anderen Ländern, wo Ökonomen zu Superstars und echten Beratern der Regierung mutieren.

Wo müssten ökonomische Ideen mehr Einzug in der Politik halten?

Der Generationenvertrag ist aufgekündigt. Wir sitzen auf einem gesellschaftlichen Pulverfass. Im Gesundheitswesen sehe ich großen ökonomischen Handlungsbedarf.

Findet die Volkswirtschaftslehre in den Betrieben der Region genügend Beachtung?

Natürlich haben für Firmen betriebswirtschaftliche Belange Priorität. Auch Verbände und Institutionen wie Südwestmetall und IHK sehen zuerst betriebswirtschaftliche Belange. Aber volkswirtschaftliche Thesen werden als Rahmenbedingungen, als das große Ganze umfassende, sehr wohl stark wahrgenommen.

Herr Scheuermann, besten Dank für das Gespräch

© Wirtschaft Regional 26.06.2018 18:00
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