„Stillstand ist nicht unser Ziel“

Interview Oliver Bruns, neuer Chef der Edelmann-Gruppe, erklärt die Ziele und Pläne der Heidenheimer Firma. Und er erläutert, wie er das Unternehmen umbauen will.
  • Oliver Bruns, Chef von Edelmann in Heidenheim. Foto: Edelmann

Heidenheim

Seine Ernennung kam noch überraschender als die Demission seines Vorgängers: Oliver Bruns hat im Oktober die Nachfolge von Dierk Schröder als Chef des Heidenheimer Verpackungsspezialisten angetreten. Wir trafen ihn zum Interview.

Herr Bruns, Sie haben vor kurzem gesagt, Edelmann sei eine Firma, „die ein bisschen wachgeküsst werden muss“. Wie meinen Sie das?

Oliver Bruns: Das hat etwas mit Selbstbewusstsein des Unternehmens zu tun. Wir sind ein Team - auch wenn wir Standorte in aller Welt haben. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist ausbaufähig, sicherlich auch bedingt durch die zahlreichen Übernahmen. Wir sind nicht die Summe von 19 Firmen oder Standorten, sondern eine Gruppe, ein Team mit gemeinsamen Zielen und Werten. Dieses Gefühl wollen wir stärken und klarer nach außen kommunizieren.

Dennoch bedeutet das Veränderung...

Wir gehen nicht den leichten Weg. Veränderung kann auch mal anstrengend sein, das ist klar. Es ist ein Prozess, der das ganze Unternehmen betrifft und in den Köpfen von uns allen stattfinden muss. Wir haben flache Hierarchien, in denen sich jeder einbringen kann – dieses aber auch erwartet wird.

Wie ist das Jahr 2017 gelaufen?

Wir haben den Netto-Umsatz um 13,5 Prozent auf mehr als 300 Millionen Euro gesteigert und an unseren Standorten mehr als 4,5 Milliarden Verpackungen sowie mehr als eine Milliarde Packungsbeilagen hergestellt. Der Umsatz verteilt sich auf drei Produktbereiche: jeweils 40 Prozent erwirtschaften wir im Health-Care- (etwa Medikamente, Anm. d. Red.) sowie dem Beauty-Care-Bereich (Kosmetikartikel), etwa 20 Prozent entfallen auf die Sparte Consumer Brands (Verpackungen für Markenhersteller). Wir sind sowohl organisch als auch anorganisch gewachsen.

Sie haben seit 2013 eine indische Tochterfirma, sich aber Ende vergangenen Jahres an der indischen M.K. Printpack beteiligt. Warum?

Indien ist für Edelmann ein sehr interessanter Markt, der schnell wächst – pro Jahr um sechs bis acht Prozent. Vor allem die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Produkten wächst rapide. Wir sind bislang mit unserer Tochterfirma im Norden des Landes vertreten, erschließen durch die Beteiligung an M.K. nun auch den Südwesten. So sind wir noch näher bei unseren Partnern und Kunden. Wir profitieren in Indien zudem von einer umgekehrten Expansion: Edelmann arbeitet mit indischen Firmen zusammen, die ihrerseits expandieren – und dabei auf unsere Expertise in den jeweiligen Zielmärkten zurückgreifen.

Welche Märkte sind für Edelmann attraktiv?

Der asiatische Markt ist sicher das Zugpferd. Aber auch die Entwicklung im südamerikanischen Markt macht uns Freude.

Wir gehen nicht den leichten Weg.

Oliver Bruns, Edelmann-Chef

Ist mit weiteren Übernahmen zu rechnen?

Das würde ich nicht ausschließen, wobei wir auch organisch wachsen. Aktuell haben wir 19 Standorte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass noch 2018 eine Zwei an erster Stelle steht.

In welche Märkte wollen Sie expandieren?

Es gibt noch einige Länder und Regionen, in denen wir noch nicht vertreten sind. Es ist aber nicht zwangsläufig, dass wir uns dort verstärken. Wir haben bei potenziellen Übernahmen auch jene wachsenden Märkte im Blick, in denen wir schon vertreten sind. Es ist immer alles eine Frage der Prioritäten. Fakt ist aber: Stillstand ist nicht unser Ziel. Wir haben eine Wachstumsstrategie, wollen organisch und anorganisch wachsen. Edelmann hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass wir mit Akquisitionen umgehen können.

Ihre Kunden sind Pharmakonzerne, Kosmetikhersteller und Markenartikelproduzenten, die weltweit Standorte betreiben und von ihren Dienstleistern Präsenz vor Ort erwarten. Das kostet Kapital. Eine schwierige Gratwanderung für einen Mittelständler?

Es stimmt: Wie jedes Unternehmen haben auch wir begrenzte Ressourcen – vor allem im Vergleich zu manch Konkurrenten mit Milliarden-Umsatz. Was wir planen und umsetzen, muss passen. Wir können uns nicht viele Fehler leisten. Aber das sehe ich nicht negativ: Das schärft die Konzentration. Wir sind ein bodenständiges Unternehmen, mit einer Eigentümerfamilie, die bedingungslos zum Unternehmen steht. Das ist ein wichtiger Wert.

Der Verpackungsmarkt ist extrem in Bewegung, konzentriert sich zusehends...

Das stimmt. Die Konsolidierung der Branche nimmt zu. Deshalb ist es umso wichtiger, die eigene Nische zu finden. Wir passen uns an und finden unseren Weg.

Sie sagten auch, dass einige Wettbewerber profitabler seien, weil sie sich besser koordinieren - eigentlich ein Merkmal von Mittelständler. Ist Edelmann doch ein wenig die mittelständische Struktur verloren gegangen in den vergangenen Jahren?

Es gibt größere Wettbewerber - und sicher auch profitablere. Wir sind zwar in Sachen Qualität führend, können und müssen uns jedoch besser koordinieren, unsere Prozesse effizienter gestalten und die vorhandenen Synergien zwischen den Standorten nutzen. Wir werden enger zusammenrücken und die Kapazitäten besser nutzen. In diesen Bereichen haben wir Nachholbedarf – sehen aber ein riesiges Potenzial, um noch schneller, agiler und flexibler zu werden

Herr Bruns, besten Dank für das Gespräch.

© Wirtschaft Regional 29.05.2018 13:04
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