Viele Krawatten und ein neues Kapitel

Textilindustrie Deutschlands älteste Krawattenmanufaktur hat ihren Sitz in Aalen – und will mit einer ungewöhnlichen Entscheidung den Grundstein für die weitere Entwicklung legen.
  • Susanne Wirz, Chefin von Pellens & Loick aus Aalen. Foto: Pellens & Loick

Aalen

Strickkrawatten haben es nicht leicht. Vor allem in Deutschland. Sagt Susanne Wirz – und sie muss es wissen. Wirz ist die Chefin von Deutschlands ältester Krawattenmanufaktur, Pellens & Loick in Aalen. „In Italien sind Strickkrawatten alle Jahre wieder richtig angesagt.“ Nur der deutsche Mann tut sich schwer mit dem Stoff. Und verlangt lieber nach anderen Materialen, wie etwa gewebter Seide. „Seide und Krawatten, das gehört in Deutschland einfach zusammen“, sagt Wirz.

Die Geschäftsführerin steht in dem kleinen Ladengeschäft im Aalener Lokschuppen. Aktuell werden Kartons hin- und hergeräumt, Kleiderständer umhergefahren. Der Outlet-Store in Aalen ist bald Geschichte, aktuell läuft der Räumungsverkauf. Für normale Einzelhändler wäre das kein gutes Zeichen. Bei Pellens & Loick liegt die Sache anders. „Wir brauchen den Platz für unser Lager“, sagt Wirz. „Deshalb haben wir uns entschlossen, den Shop zu schließen und die Fläche anderweitig zu nutzen. Wir konzentrieren uns künftig auf den Großhandel.“

Pellens & Loick gehört nicht nur zu den ältesten Krawattenspezialisten Deutschlands, sondern wohl auch zu den kleinsten. Auf gerade einmal 250 Quadratmeter wird an den Kollektionen für die kommenden Saisons gefeilt, Ware distribuiert oder auch Einzelteile nach Maß angefertigt. Neben den klassischen Krawatten verkauft der Großhändler seine Einstecktücher, Taschentücher oder Schals an Einzelhändler im ganzen Land. Zu den Kunden gehören sowohl Kaufhausketten wie KaDeWe oder Alsterhaus als auch kleinere Herrenausstatter der gehobenen Kategorie. Doch nicht nur in Zentraleuropa sind die Accessoires aus Aalen zu kaufen, auch Händler in Australien oder Japan haben sie im Angebot.

Der Markt für Krawatten wird immer kleiner, dazu werden die Wettbewerber immer größer. Kleinere Krawattenhersteller verschwinden, stattdessen übernehmen die großen Modefirmen das Segment. Susanne Wirz stört das nicht. „Wir sitzen in einer kleinen, aber feinen Nische und sind einer der letzten Anbieter in Deutschland, die noch wirkliche Kollektionen erstellen.“

Wir sitzen in einer kleinen, feinen Nische.

Susanne Wirz
Geschäftsführerin Pellens & Loick

Für die Dessins lassen sich die Aalener auf den weltweiten Modemessen inspirieren. „Wir müssen die Trends dann für den deutschen Markt übersetzen“, erklärt Wirz. Heißt: Nicht alles, was der italienische Mann trägt, ist dem Deutschen modisch geheuer. Das gilt nicht nur für den Stoff – die Strickkrawatte lässt an dieser Stelle grüßen – sondern auch für Muster und Farben. Produziert werden die Krawatten, Schals und Co allerdings nicht in Aalen, sondern unter anderem in Italien. Erst vor einigen Wochen war Wirz deshalb in Como. „Dort gibt es noch eine echte Seidenindustrie, deren Hersteller für uns fertigen.“

Klein und fein bedeutet aber: „Wir haben im Gegensatz zu den großen Modefirmen kein riesiges Marketingbudget. Das benötigen wir aber auch nicht“, betont Wirz. Stattdessen setze man auf enge, persönliche Kontakte zu den Einzelhändlern, auf vernünftige Preise und auf ein ausgefeiltes Warenwirtschaftssystem, mit dem man auch für größere Ketten modern und attraktiv genug sei. Vor allem in das IT-System hat sie kräftig investiert. „Damit sind wir schnell und flexibel genug und sorgen für die nötige Kundenbindung.“

Ob die Strickkrawatte irgendwann mal den Durchbruch in Deutschland schaffen wird, weiß Wirz nicht. Dafür aber, was aktuell angesagt ist. Bedruckte, oder gar doppelt bedruckte Krawatten und Einstecktücher seien schwer im Trend. Das Gute: „Gerade bei jungen Männern sind Accessoires wie die Krawatte wieder im Kommen“, erklärt sie. Allerdings nicht als lästiges Büro-Übel, sondern als echtes modisches Accessoire. Das gelte auch für die Fliege oder das klassische Einstecktuch, letzteres dann in farblich abgestimmt mit dem Binder um den Hals. Heißt in diesem Sommer: gerne knallig, am besten in Orange.

Info Der Räumungsverkauf im Aalener Lokschuppen läuft noch bis 14. April.

© Wirtschaft Regional 06.04.2018 19:22
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