YG-1 baggert an Fachkräften

Abwerbungen Nur einen Monat nach der Entscheidung für die Südkoreaner stehen massive Vorwürfe im Raum: Wortbruch
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    Bei der Vertragsunterzeichnung noch lächelnd – jetzt aber eisiges Schweigen: YG-1-CEO Hokeun Song (l.) und Peter Traub. Foto: ls

Oberkochen

Als Peter Traub am 9. November verkündete, dass der Stadtrat von Oberkochen die geplante Ansiedlung des Werkzeugherstellers YG-1 im Gewerbegebiet Oberkochen-Süd II mit 11:7 Stimmen bei einer Enthaltung abgesegnet hat, stellte der Bürgermeister in seiner Pressemitteilung ein Detail des Grundstückkaufvertrages besonders heraus: Er als Bürgermeister und der Gemeinderat hätten von YG-1 die verbindliche Erklärung verlangt und auch erhalten, dass die Südkoreaner den örtlichen Unternehmen nicht aktiv Fachkräfte abwerben würden.

Knapp einen Monat später sieht die Realität offenbar ganz anders aus: Sogenannte „Headhunter“ – professionelle Personalsucher – rufen derzeit bei vornehmlich jungen Vertriebsfacharbeitern, die bei Werkzeugherstellern in Oberkochen und Aalen beschäftigt sind, unter ihren privaten Telefonnummern an und bieten diesen offensiv Arbeitsplätze bei YG-1 an – und locken mit deutlich höheren Bezügen. Einige der jungen Leute haben sich jedoch gegenüber ihren Chefs offenbart und bringen den vermeintlichen Wortbruch nun ans Tageslicht. „Die Verärgerung bei den betroffenen Unternehmensleitungen ist groß, der Vertrauensverlust wurde nochmals gesteigert“, klagt Andreas Enzenbach, Pressesprecher bei der Aalener Mapal Dr. Kress KG.

Eine solche „Nichtabwerbungsklausel“, so sie denn überhaupt im Vertrag steht, ist nicht rechtsverbindlich; in Deutschland gilt die freie Berufswahl. Das weiß auch Peter Traub, weshalb er einräumte, dass es sich nur um eine „moralische Verpflichtung“ handeln könne und es keine Sanktionsmöglichkeiten gebe. Auf per Mail zugestellte Fragen dieser Zeitung, unter anderem, wie er reagieren würde, wenn Headhunter bei Beschäftigen örtlicher Metallbetriebe anrufen, antwortete Traub umgehend wie folgt: „Die Fragen kann Ihnen am besten das Unternehmen YG-1 beantworten. Bitte wenden Sie sich an die entsprechenden Vertreter!“ Die Nachfragen dazu ließ der Bürgermeister unbeantwortet: Etwa danach, in welchen zeitlichen Schritten YG-1 bauen werde und wann der Baubeginn sei. Oder in welchem zeitlichen Rahmen die angekündigten 1000 neuen Arbeitsplätze aufgebaut werden sollen. Oder bis wann er damit rechnet, dass YG-1 in die Gewinnzone kommt und somit auch Gewerbesteuer in Oberkochen bezahlt.

Die Verärgerung über Abwerbungsversuche von YG-1 ist groß.

Andreas Enzenbach
Pressesprecher der Mapal KG

Baggert YG-1 also bereits massiv an heimischen Top-Kräften? Oder sind hier übereifrige „Personaljäger“ von sich aus am Werk? Hokeun Song, der Chairman und CEO von YG-1 in Korea, und Bong Joo Park, der Geschäftsführer der YG-1 Deutschland GmbH in Eschborn, reagierten auf zwei schriftliche Anfragen und ein telefonisches Nachhaken dieser Zeitung bislang nicht.

Dabei ist zum Beispiel das Thema Ausbildung von großem Interesse. So hatte nämlich Peter Traub mitgeteilt, dass YG-1 Fachkräfte nicht nur selbst ausbilde, sondern auch entsprechende Ausbildungskapazitäten bereits in der ersten Ausbaustufe des geplanten Entwicklungs- und Produktionszentrums schaffen würde. Fakt ist dabei allerdings, dass YG-1 bislang in Deutschland überhaupt noch nicht ausgebildet hat. Als Ausbildungsbetrieb der YG-1 Deutschland GmbH für die drei Berufsbilder „Fachkraft für Lagerlogistik“, „Kaufmann für Büromanagement“ und „Kaufmann für Groß- und Außenhandel“ ist nur die Vertriebsstätte im hessischen Eschborn eingetragen, nicht aber die Produktionsstätte in Remscheid (NRW).

Die IHK Ostwürttemberg schreibt in einer dieser Zeitung vorliegenden Notiz explizit: „Die Ausbildungsstätte in Eschborn gibt es seit 2000, seither wurde kein Ausbildungsvertrag registriert!“ Angefragt wurde bei YG-1 von dieser Zeitung auch, ob das Unternehmen dem Arbeitgeberverband Südwestmetall beitreten werde und sich bei Entlohnung und Arbeitszeit an den in Deutschland gültigen tariflichen Bestimmungen halte. Auch darauf gab es weder von YG-1 in Südkorea noch aus dem Rathaus Oberkochen eine Antwort.

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© Wirtschaft Regional 06.12.2017 21:59
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