Ökonom geißelt Symbolpolitik

Volkswirtschaft Die BW-Bank organisiert eine Kundenveranstaltung mit dem Chef des ifo-Instituts. Clemens Fuest hält der Bundespolitik den Spiegel vor.
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    Hatten zum Austausch geladen (v.li.): Carsten Kalmer (Unternehmenskunden Ulm/Biberach), Markus Kistler (Bereichsleiter Unternehmenskunden BW Süd-Ost), Prof. Dr. Clemens Fuest (Präsident ifo-Institut), Thomas Wetzler (Unternehmenskunden Augsburg), Martin Roschmann (Private Banking Ulm) und Norwin Graf Leutrum von Ertingen (Vorstand BW-Bank). Foto: sk

Ulm/Aalen

Die BW-Bank kommt mit ihren Firmenkunden in Kontakt: Bei einer Vortragsveranstaltung im Ulmer Maritim Hotel hat der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Prof. Dr. Clemens Fuest, äußerst strukturiert über die wesentlichen Herausforderungen der globalen wirtschaftlichen Situation aus der Warte des Volkswirtschaftlers informiert. Rund 40 der 200 Besucher kamen aus Ostwürttemberg: Die Firmenlenker, darunter IHK-Präsident Markus Maier, holten sich Impulse aus übergeordneter Sicht des Nachfolgers von Hans-Werner Sinn auf dem Chefsessel des renommiertesten Wirtschaftsinstituts in Deutschland.

Clemens Fuest sparte nicht mit Kritik an der Politik und äußerte sich dezidiert zur laufenden Regierungsbildung auf Bundesebene. Er bevorzuge eine CDU/CSU-geführte Minderheitsregierung. Aus einer solchen Konstellation gehe das Parlament gestärkt hervor. „Kanzlerin Angela Merkel müsste mit ihren Ideen in die parlamentarische Debatte eintreten und für ihren Standpunkt um Zustimmung werben“, sagte Fuest. Eine Minderheitsregierung packe nur die notwendigsten Vorhaben an, was kein Nachteil sein müsse. Denn: Fuest verglich die Politik mit der Medizin: Es sei eben besser, weniger zu machen, dafür aber nichts falsches. Der Politik mangele es häufig an eigenen zielführenden Ideen und Politiker neigten dazu, sich über ökonomische Grundprinzipien hinwegzusetzen – frei nach dem Motto: Man wolle Gutes tun, erreiche dann aber Falsches, erklärte Fuest in der abschließenden Diskussion.

Schlaglicht auf Digitalisierung

Mangel ist, wenn man in der Schlange steht.

Prof. Dr. Clemens Fuest
Chef des Münchner ifo-Instituts

Clemens Fuest sieht angesichts der neuesten Konjunkturdaten eine globale Belebung der Weltwirtschaft, die 2018 anhalte. Der Geschäftsklima-Index seines ifo-Instituts bewege sich in Richtung des Boom-Quadranten. Für den Euro-Raum gehe er für 2018 von einem Wachstum von 2,0 Prozent aus.

In der Debatte um die Auswirkungen der Digitalisierung laufe in Deutschland vieles schief. Man dürfe nicht versuchen, neu entstehende Geschäftsmodelle sofort zu regulieren. Als Beispiel nannte er „Uber“, eine App, die den Taximarkt reformiert. Vielfach seien Ängste um den Abbau von Arbeitsplätzen übertrieben. Fuest sieht Schwächen in E-Government-Modellen. Der Ausbau der Infrastruktur werde zudem überbetont und könne nicht rasch flächendeckend verwirklicht werden. „Es müssen einfach Dinge umgesetzt werden, die bereits technisch möglich sind“, sagte Fuest.

Beim Thema Fachkräftemangel hatte der Volkswirt keine guten Nachrichten für die Firmenlenker. Streng genommen gebe es keinen Mangel. „Mangel bedeutet, dass Sie Schlange stehen müssen.“ In qualifizierten Berufen würden durch die Knappheit an Arbeitskräften die Löhne steigen. Bei der Steuerpolitik müsse eine Entlastung auf der Agenda stehen. „Ist wie derzeit ein Haushalt ausgeglichen, muss künftig entlastet werden, da das Steueraufkommen weiter steigt“, sagte Fuest. Beim Klimaschutz plädierte der ifo-Chef für Investitionen, um mit dem Klimawandel zu leben. „Das Verbot des Verbrennungsmotors halte ich wie den Ausstieg aus der Kohle für unverantwortlich.“

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© Wirtschaft Regional 04.12.2017 17:29
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