Sehenden Auges in die Vertrauenskrise

Kommunalpolitik Stadtrat von Oberkochen spricht sich mit 11:7 Stimmen für Ansiedlung des südkoreanischen Werkzeugherstellers YG-1 aus. Örtliche Unternehmen kritisieren den Beschluss scharf.
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    Bürgermeister Peter Traub erklärte am Donnerstag vor der Presse die Entscheidung des Oberkochener Stadtrates pro YG-1. Foto: aki

Oberkochen.

Mit 11:7 Stimmen hat der Stadtrat Oberkochens am Mittwoch die geplante Ansiedlung des Werkzeugherstellers YG-1 abgesegnet. Die Südkoreaner wollen im Gewerbegebiet Oberkochen-Süd II ihr europäisches Produktions- und Entwicklungszentrum bauen und bis 2023 rund 1000 Mitarbeiter einstellen. Vertreter örtlicher Unternehmen, die hofften, dass sich Bürgermeister Peter Traub und die Räte nochmals Zeit für einen gemeinsamen Dialog nehmen, reagierten auf die Entscheidung enttäuscht, wie eine Umfrage dieser Zeitung zeigt – Fazit: Oberkochens steuert sehenden Auges in die Vertrauenskrise.

„Bürgermeister und Rat sind ihrer Verantwortung gegenüber dem Standort, den Unternehmen und der Bürgerschaft nicht nachgekommen“, urteilte Jürgen Köppel. Der Leitz-Geschäftsführer bedauerte, „dass durch den Alleingang Traubs und seine Kommunikation in der Presse Druck aufgebaut wurde, der eine faktenbasierte Prüfung durch den Rat nur bedingt zuließ.“ Vertrauensvolle Wirtschaftspolitik erfordere eine frühe Einbeziehung aller Beteiligten – denn: „Für ein Unternehmen sind Zuverlässigkeit und Vertrauen Eckpunkte für eine strategische Entwicklung, diese Eckpfeiler sind im Fundament erschüttert“, erklärte Köppel und unterstellt Traub „Ignoranz und Fahrlässigkeit, die bei derartig wichtigen Fragestellungen fatale Folgen haben können. Für Leitz gibt es kein Zurückkehren zur Tagesordnung.“ Traub müsse sich nun an seinen Worten bezüglich 1000 Arbeitsplätze, Fachkräftegenerierung, Ausbildung, Gewerbesteuer und Krisenstabilität messen lassen: „Hoffentlich lässt er einmal nicht andere den Scherbenhaufen zusammenfegen“. Leitz versuche, „die Auswirkungen dieser Fehlentscheidung zu minimieren“, sagte Köppel, „Hoffentlich können dies die ortsansässigen KMUs auch, damit der Wirtschaftsraum Ostalb weiter aus einer Position der Stärke und Diversifikation agieren kann.“

Zeiss: Fehlentscheidung

Zeiss, so Konzernsprecher Jörg Nitschke, nehme die Entscheidung zur Kenntnis, halte sie aber für einen Fehler: „Konzertierte, kluge und auf Zukunft gerichtete Wirtschafts- und Standortpolitik funktioniert anders und muss anders gestaltet werden – nämlich im kooperativen Miteinander von Wirtschaft und Kommunalpolitik.“ Zeiss werde die Konsequenzen aus dieser Ratsentscheidung „für sich“ bewerten: „Es ist damit zu rechnen, dass sich die bisherige Attraktivität des Wirtschaftsstandorts, für die sich Zeiss mit anderen Partnern seit Langem engagiert, nicht verbessert! Die neue Situation kann auch negative Auswirkungen für die Bevölkerung mit sich bringen.“ Als weltweiter Technologieführer der optischen und optoelektronischen Industrie stehe Zeiss seit Jahrzehnten im globalen Wettbewerb: „Wir sehen jedoch nun gravierende Nachteile für kleine und mittelständische Betriebe in der Region.“

Baier: Der Situation anpassen

Peter Traub handelt ignorant und fahrlässsig.

Jürgen Köppel, Leitz-CEO

Völlig perplex von der schnellen Ratszustimmung zeigten sich Hubert Baier, Geschäftsführer Günther & Schramm, und Oppold-Chef Carsten Jungk: „Wir rechneten mit weiteren gemeinsamen Gesprächen.“ Zu möglichen Konsequenzen für G & S sagte Baier: „Jede wirtschaftliche Entscheidung verbirgt Risiken und Chancen, die erst langfristig bewertet werden können. Wir alle müssen uns den veränderten Situationen anpassen und Wege suchen, aus den Risiken entsprechende Chancen zu gestalten. Große Unternehmen haben immer schon unsere gut ausgebildeten Mitarbeiter abgeworben, daher werden wir unsere Mitarbeiter weiter an uns binden. Und wir werden unsere Ausbildungsquote weiter erhöhen.“

Er respektiere die Entscheidung, sagte Mapal-Geschäftsführer Dr. Jochen Kress, „aber ich hatte erwartet, dass sich der Rat mehr Zeit lässt für eine Entscheidung mit solcher Tragweite.“ Die von den Unternehmen vorgelegten Informationen und deren Bedenken für den Wirtschaftsraum seien nicht ausreichend in die Entscheidung einbezogen worden. Skeptisch fügte Kress an: „Wir warten mal ab, was auf dem Gelände tatsächlich entstehen wird.“

IHK: Dialog fortsetzen

Beim demokratischen Prozess einer Ansiedlungsentscheidung habe die IHK keine Mitbestimmungsmöglichkeit, erklärte Michaela Eberle. Die Hauptgeschäftsführerin bedauerte ebenfalls, „dass sich die Räte nicht Zeit nahmen, um Einvernehmen wieder herzustellen.“ Der Dialog solle aber fortgesetzt werden, vor allem in den Themen Fachkräftesicherung, Infrastruktur und Gewerbeflächen. Eberle: „Wir verfolgen diese Themen mit regionalen Partnern und Unternehmen seit Jahren wie in der Fachkräfteallianz oder mit dem Gewerbeflächen-Entwicklungsforum von Regionalverband, den Landkreisen und der IHK.“ Eberle wünscht sich „eine Intensivierung der begonnenen Aktivitäten im regionalen Standort- und Fachkräftemarketing mit allen Partnern aus Wirtschaft und Verwaltung. Der Ansatz wäre eine neue Qualifizierungsoffensive in der Region.“ Für Oberkochen sei die Bestandspflege und Bereitstellung von Gewerbeflächen samt Infrastruktur für die Unternehmen vor Ort wichtig.

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© Wirtschaft Regional 09.11.2017 21:36
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