Zum offenen Dialog zurückkehren

Diskussion zur Ansiedlung von YG-1 Unternehmen aus Oberkochen appellieren an die Stadt Oberkochen, sich in der Entscheidung zum Verkauf von Gewerbeflächen an die Südkoreaner Zeit zu lassen.
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    Offenen Dialog über kluge Gewerbepolitik forderten am Dienstag Unternehmen aus Oberkochen bei einer Informationsveranstaltung im Zeiss Forum in Sachen Ansiedlung von YG-1. Foto: -wh-

Oberkochen

Mit „Nachhaltige Stadtentwicklung“ überschrieben war die Informationsrunde, zu der Unternehmen aus der Region um Oberkochen am Dienstag ins Zeiss Forum geladen hatten. Grund war die geplante Ansiedlung des Werkzeugherstellers YG-1 aus Südkorea, der drei Hektar Fläche im Gewerbegebiet Oberkochen-Süd II kaufen und ein Entwicklungs- und Produktionszentrum bauen will, in dem bis zu 1000 Mitarbeiter beschäftigt werden sollen. Die Unternehmen sehen dies mit Skepsis. Der Stadtrat von Oberkochen wird am Mittwoch entscheiden, ob der von Bürgermeister Peter Traub eingefädelte Verkauf abgesegnet wird oder nicht. Oder ob sich die Räte Zeit nehmen, in einem offenen auf Fakten basierenden Dialog gemeinsam mit den Unternehmen, der Wissenschaft und der IHK zu einer Lösung zu kommen. „Unser Wirtschaftsraum ist stark. Wir sind gut beraten, diese Stärken zu stärken“, lautete das Fazit der Diskussion und die Botschaft von Dr. Michael Kaschke. Der Zeiss-Chef betonte wie die anderen Unternehmensführer auch, „dass wir überall auf der Welt nicht gegen Wettbewerb sind und dass ein Stadtrat immer der Souverän sein muss“.

Moderator Michael Finkbeiner, ehemals ZDF, riss die Kernthemen an: Fachkräftemangel, Infrastruktur, Gewerbepolitik. Die Frage, wieso die Unternehmen gegen die Ansiedlung von YG-1 sind, beantwortete Leitz-Geschäftsführer Jürgen Köppel so: „Uns geht es um eine sachgerechte Infrastrukturpolitik und eine offene Information zwischen Verwaltung und Unternehmen. Wir müssen über Fachkräftemangel, Wissensstabilität in der Region ebenso reden wie darüber, woher die Steuergelder kommen und für was sie verwendet werden. Unser Ziel ist eine nachhaltige Standortpolitik zum Wohle der Bürger Oberkochens.“ Thomas Spitzenpfeil, Finanzvorstand von Zeiss, ergänzte: „Oberkochen und die Region sind wirtschaftlich stabil, das soll erhalten werden“. Zeiss habe in den letzten sieben Jahren 180 Millionen Euro an Gewerbesteuer bezahlt und wolle dies weiter leisten. Der Finanzmann forderte mit Blick auf die aktuell 350 offenen Stellen bei Firmen in Oberkochen eine „kluge Weiterentwicklung“. Dies setze ein offenes Miteinander voraus. Ohne den Bürgermeister zu nennen, klagte Spitzenpfeil: „Das Miteinander war schon stärker, da ist viel unter die Räder gekommen. Das führt zu Informationsdefiziten, die Bewährtes gefährden“.

Auch Mapal-Geschäftsführer Dr. Jochen Kress sprach sich dafür aus, „dass wir zur bisherigen Harmonie zwischen Kommunen, Unternehmen, Hochschule und IHK zurückkommen müssen“. Jürgen Köppel erinnert daran, dass das Gewerbegebiet Süd II für Erweiterungen von kleinen und mittleren Unternehmen aus dem Zentrum von Oberkochen gedacht gewesen sei: „Und Zeiss, Mapal und Leitz brauchen diese Firmen als feste Glieder ihrer Wertschöpfungsketten.“ Eine weitsichtige Gewerbepolitik bedeute auch, auf Diversifikation zu achten – Köppel: „Man muss vorher durchdenken, was passiert, wenn viele Firmen an einem Standort in die Krise kommen“. Die Expertise der Hochschule Aalen sei da hilfreich.

Ob es zwischen den Unternehmen und der Verwaltung eine Vertrauenskrise gebe, fragte der Moderator. „Ja“, räumte Jochen Kress ein, „es fällt heute nicht mehr leicht, offen über Ansiedlungen zu sprechen“. Dafür habe es in der Region früher gute gemeinsame Ansätze gegeben: „Der Existenzgründerverein PEGASUS oder das Inno-Z an der Hochschule. „Tacheles“ redete Kress, als Finkbeiner fragte, ob YG-1 nach Oberkochen passe. „Ich weiß, dass die Südkoreaner ihre Wachstumsziele nicht erreicht haben, darum suchen sie neue Geschäftsfelder und Know-how. Dass sie am Werkzeugbau-Technologiezentrum Oberkochen ansiedeln wollen, ist kein Zufall.“ Trotz der bestehenden Konkurrenzsituation gebe es in der Region ein „gutes Miteinander“. Ob dies mit YG-1 möglich sei „versehe ich mit einem dicken Fragezeichen“, sagte Kress.

Jürgen Köppel betonte, „dass Leitz als Weltmarktführer überall Wettbewerb gewohnt ist.“ Leitz stehe seit der Gründung im Jahr 1876 zu Oberkochen und investiere in Ausbildung und Entwicklung: „Davon will YG-1 profitieren, und wenn's brenzlig wird, könnten die abziehen.“

Hubert Baier, Geschäftsführer von Günther + Schramm, verwies auf die großen Probleme, die KMUs bei der Suche nach Facharbeitern haben: „Statt solche Neuansiedlungen anzustreben, sollte die Stadt in Sachen Wohnraum und Infrastruktur etwas tun, sonst laufen uns die Mitarbeiter davon“. Dies befürchtet auch Oppold-Geschäftsführer Carsten Jungk: „Nicht der Wettbewerb ist unser Problem, sondern die Fachkräfte, woher sollen wir die bei Vollbeschäftigung den nehmen? Dann können wir zu machen.“ „Es wäre für alle fatal, wenn die Zulieferer verschwinden, darüber muss die Verwaltung vorher diskutieren,“ verlangte Jürgen Köppel. „Deshalb brauchen wir den Dialog und die Diversifikation“, stellte Thomas Spitzenpfeil heraus: „Es ist nicht gut, überall Mais anzupflanzen – wenn der Schädling kommt, ist die ganze Ernte zunichte.“ Das bisher gute regionale Einvernehmen wieder herzustellen, „ist das erklärte Ziel des Präsidiums der IHK“, ließ deren Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle wissen.

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© Wirtschaft Regional 07.11.2017 22:18
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