Zeiss ist weiter auf Rekordkurs

Interview Zeiss-Chef Michael Kaschke über die neuerlichen Umsatzrekorde, die Mega-Investitionen in Jena, deren Folgen für Oberkochen – und den Stellenabbau am Standort in Wetzlar.
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    Prof. Dr. Michael Kaschke ist seit 25 Jahren bei Zeiss. Der Vorstandschef sieht Zeiss in einer „guten Position“, aber: „Wir bleiben wachsam.“ Foto: Zeiss

Oberkochen

Zeiss marschiert weiter von Rekord zu Rekord. Im Interview erläutert der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Michael Kaschke die erfolgreiche Entwicklung der vergangenen Jahre, welche Konsequenzen die Investitionen in Jena und Karlsruhe für den Stammsitz Oberkochen haben –und warum Zeiss trotz aller Rekorde am Standort in Wetzlar Stellen abbaut.

Herr Kaschke, das Geschäftsjahr für Zeiss am 30. September zu Ende gegangen. Wie hat sich das Unternehmen im vergangenen Jahr entwickelt?

Michael Kaschke: Ich neige nicht zu Superlativen, aber das vergangene Geschäftsjahr war ein sehr gutes. Zeiss wird erneut einen Rekordumsatz und ein Rekordergebnis verzeichnen. Was mich freut: Alle vier Sparten sind gut unterwegs und wachsen. Ich vergleiche das gerne mit einem Vier-Zylinder-Motor. Jeder Zylinder muss seine Leistung bringen, damit der Motor rund läuft. Für genaue Zahlen ist es aber noch zu früh. Diese kommunizieren wir im Dezember.

Welches der vier Segmente hat Ihnen besonders Freude gemacht?

Es wäre unfair, einen Unternehmensbereich hervorzuheben. Die Medizintechnik hat sich stark entwickelt ebenso die SMT (Halbleitersparte, die Red.), bei der sich ausgezahlt hat, dass wir mit langem Atem auf die EUV-Technologie gesetzt haben. Die Stückzahlen in diesem Bereich steigen deutlich. Vision Care (Augenoptik) wächst ebenfalls sehr erfreulich. Und auch die Industriemesstechnik hat sich trotz der starken Konkurrenz sehr gut entwickelt. Insgesamt können alle Zeissianer sehr stolz auf das Erreichte sein und auch selbstbewusst. Aber dennoch müssen wir durchaus wachsam bleiben und uns immer vor Augen halten, dass es Zeiss in allen Segmenten mit einem extrem harten Wettbewerb zu tun hat.

300 Millionen Euro für Jena, 30 Millionen Euro für Karlsruhe. Zeiss investiert massiv. Was ist mit Oberkochen?

Für den Standort Jena ist das natürlich ein großes Ereignis. Diese Pläne sind Teil einer kontinuierlichen Investitionsstrategie, mit der wir 2011 begonnen haben – an unserem Stammsitz in Oberkochen. Seit 2009 haben wir hier 770 Millionen Euro in Infrastruktur und andere Sachanlagen investiert. Dass wir das auch weiterhin tun, sieht man auch an den Bauarbeiten im interkommunalen Gewerbegebiet Oberkochen/Königsbronn.

Und an den anderen Standorten?

2015 haben wir unsere Aktivitäten in München erweitert, in diesem Sommer war der Planungsstart am Standort in Kalifornien, Ende September in Karlsruhe und nun in Jena. Auch in Oberkochen investieren wir kontinuierlich. In den kommenden fünf Jahren werden es aus heutiger Sicht über 200 Millionen Euro sein, die hier in Infrastruktur investiert werden. Die Mitarbeiter hier haben die Nachricht, dass wir in Jena den Standort neu bauen, sehr positiv aufgenommen. Sie verstehen, dass wir in einem globalen Netzwerk arbeiten müssen, in denen jeder Standort seine spezifischen Kompetenzen einbringen kann, um erfolgreich zu bleiben. Vor etwa 20 Jahren wären derartige Vorhaben, wie das in Jena, in Oberkochen sicher kritischer beäugt worden.

Trotz Umsatz- und Ergebnisrekord will Zeiss am Standort Wetzlar 120 Stellen streichen und 80 nach Oberkochen verlagern. Wie passt das zusammen?

Es geht in allen Bereichen darum, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Der Bereich Consumer Optics ist stark fragmentiert, darunter leidet die Zukunftsfähigkeit. Deshalb werden wir die Aktivitäten konzentrieren, ähnlich wie vor einiger Zeit im Unternehmensbereich Mikroskopie, um schlagkräftiger zu sein und Geschwindigkeit und Effizienz zu erhöhen. Sie sehen, wir sind da sehr konsistent.

In Wetzlar fürchtet mancher nach dem Verlust von 200 von 550 Arbeitsplätze um die Zukunft des Standorts. Zurecht?

Wetzlar ist ein wichtiger Standort für Zeiss und vor allem auch für die SMT, die dort weiterhin stark vertreten sein wird. Die Produktion für SMT soll perspektivisch ausgebaut werden. Wir werden also in Wetzlar bleiben, genauso wie in Göttingen. Mit der neuen Struktur können wir zielgerichteter am Standort investieren.

Der südkoreanische Konzern YG-1 will sich in Oberkochen ansiedeln und angeblich 1000 Arbeitsplätze. Was hält Zeiss davon?

Es geht nicht um die Ansiedlung von einzelnen Unternehmen in der Region. Mir geht es um etwas anderes. Die Unternehmen hier in der Region stehen erfolgreich im globalen Wettbewerb –jeden Tag, auch zum Wohle Ostwürttembergs. Das kann man zum Beispiel auch an neu geschaffenen Arbeitsplätzen und den Gewerbesteuerzahlungen ablesen. Die regionale Wirtschaft darf deshalb die Kooperation und Unterstützung der Kommunen erwarten. Uns geht es also um eine kluge und auf die Zukunft gerichtete Wirtschafts- und Standortpolitik – im kooperativen Miteinander von Wirtschaft und Kommunalpolitik. Dazu sollten wir wieder zurückkehren.

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© Wirtschaft Regional 20.10.2017 20:06
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