SHW CT gießt riesige Papierwalze

Sanierung in Eigenverwaltung Der Gläubigerausschuss bei SHW CT segnet Insolvenzplan von Pluta ab. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Fortführung ist über Verfahrenseröffnung hinaus gesichert.
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    Die Zeit schien am Freitagmittag für knapp drei Minuten stillzustehen beim Abguss einer 100 Tonnen schweren Papierkalanderwalze im SHW CT-Werk in Königsbronn. Foto: Sascha Kurz

Königsbronn

Großes Spektakel in den ehrwürdigen Gießereihallen der SHW Casting Technologies im Werk Königsbronn: Dort, wo vor über 650 Jahren die Eisenverhüttung begann, gießt das Unternehmen mit 105 Tonnen Flüssigeisen einen zehn Meter langen Walzenkörper ab. Der komplexe technische Ablauf manifestiert nur 17 Tage nach dem Gang zum Insolvenzrichter die Leistungsfähigkeit des ältesten Industrieunternehmens in Deutschland. „Die Mitarbeiter besitzen ein unglaublich großes Know-how“, sagt Michael Pluta. Der Rechtsanwalt ist neben seiner Tätigkeit als Insolvenzverwalter auch Sanierungsexperte. Als solcher arbeiten er sowie sein Mitarbeiter, Sanierungsgeschäftsführer Marcus Katholing, und weitere vier Kollegen im Verfahren in Eigenverwaltung daran, das Gießereiunternehmen mit seinen Werken in Wasseralfingen und Königsbronn in eine bessere Zukunft zu führen.

Gemeinsam mit Sachwalter Prof. Dr. Martin Hörmann und SHW CT-Geschäftsführer Markus Hüter waren Pluta und seine Mitarbeiter am Freitag gegen 11.30 Uhr in die Gießerei in Königsbronn geeilt. Seit 3 Uhr in der Früh hatten rund 20 Mitarbeiter die 13 Meter tiefe Gießgrube vorbereitet. Kokillen wurden aufeinander geschichtet, Einlauftrichter montiert und Überlaufkanäle drapiert. Jetzt, wenige Augenblicke bevor die beiden riesigen Gusspfannen an zwei Kranen meterhoch über dem Hallenboden gedreht werden, steigt die Konzentration der Werker. Wenige knappe Kommandos sind zwischen den Männern zu hören. „Glück auf“, schreit einer von der Kranbahn herunter in die dunkle Halle.

Wenig später fließen zwei Eisenströme in die Gussform, tauchen die Halle in grelles Licht. Funken sprühen durch die Halle, die Werker und ihre Gäste weichen einige Meter zurück. Knapp drei Minuten fließt das 1350 Grad heiße Eisen einer Lavaflut gleich in die Form. Betriebsleiter Eberhard Geissler und Walzen-Experte Bernd Eppli atmen hörbar durch – der Abguss scheint gelungen. Zuletzt war vor acht Jahren eine derart große Walze gegossen worden.

Ich kann das betriebswirtschaftlich begründen.

Michael Pluta
Sanierungsexperte

Faszinierende Details

Der Abguss wurde mit einem patentierten Material namens „Chilled Ductile Iron“, kurz CDI, vorgenommen. „Die Werkstoffentwicklung erfolgte bei SHW CT“, sagt Geissler stolz. Die Rohwalze habe nach dem Guss eine Länge von etwa zwölf Metern. „Das Erkalten dauert etwa zwei Wochen, anschließend wird die Walze geputzt, bearbeitet und verschiedenen Prüfungen unterzogen. Bis sie in rund sechs Monaten einbaufähig beim Kunden ist, werden insgesamt 650 Einzelteile in der Walze verbaut“, erläutert Eppli.

Das Auslieferungsgewicht der Walze werde dann bei etwa 66 Tonnen liegen – bei einer Länge von 10,15 Metern und einem Außendurchmesser von 1425 Millimetern. „Die Oberflächenhärte liegt bei 550 bis 580 Vickershärte-Graden. Die fertige Walze kommt bei einem Kunden inder Schweiz zum Einsatz und wird 2000 Meter Papier pro Minute herstellen“, sagt Geissler. Eine Walze habe eine durchschnittliche Lebensdauer von etwa 20 bis 30 Jahren. „Walzen dieser Größenordnung können weltweit nur zwei Unternehmen herstellen“, sagt Eberhard Geissler.

Pluta und Hörmann: Gute Perspektive für SHW CT

Volle Auftragsbücher: „Wir sind im Papierbereich derzeit voll ausgelastet und planen schon für 2018. Aber auch in den anderen Bereichen wie den Großmotorengehaüsen in Wasseralfingen laufen unsere Geschäfte sehr gut“, sagt Sanierungsgeschäftsführer Marcus Katholing. Das seien beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sanierung. Die Kunden halten uns die Treue.“
Die Zeitkonten der Mitarbeiter würden erhalten bleiben. Das habe der Gläubigerausschuss am Donnerstag bei seiner ersten Sitzung abgesegnet. Sogar Neueinstellungen von bis zu zehn Personen würden diskutiert. „Ich kann das betriebswirtschaftlich begründen“, sagt Michael Pluta.
Investitionsstau: Einen solchen gelte es aufzulösen. Freie Gelder würden nach einer Prioritätenliste in Investitionen gesteckt, sagt er. Es gelte einen gewissen Produktionsrückstau aufzulösen.
Die Lieferanten seien mit ins Boot geholt worden. Die beiden Gießereien arbeiteten wieder auf 80 Prozent Ausstoß. „Nach der zweiwöchigen Revisionspause wird ab dem 28. August wieder auf Hochtouren gegossen“, sagt Martin Hörmann.
Ein Investor werde über eine externe Gesellschaft gesucht. „Vor Anfang 2018 ist diesbezüglich aber kein Ergebnis zu erwarten“, sagt Pluta. sk

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© Wirtschaft Regional 11.08.2017 18:02
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