Wirtschaftsweise ecken schon mal an

Gedächtnisvorlesung Zu Ehren des ehemaligen Wirtschaftsweisen und gebürtigen Aaleners Wolfgang Stützel wird Vorlesung gehalten. Die hält Prof. Dr. Peter Bofinger, einer der Nachfolger Stützels.
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    Prof. Dr. Peter Bofinger war Schüler Wolfgang Stützels und hält am Mittwoch, 26. Juli, in Aalen eine Vorlesung. Foto: Stadt Aalen

Aalen

Seit 13 Jahren bringt Prof. Dr. Peter Bofinger sein Wissen im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage ein. Als einer der fünf Wirtschaftsweisen ist der Schüler von Wolfgang Stützel erstellt er für die Bundesregierung Gutachten. Damit steht er in der Tradition des Aaleners Wolfgang Stützel, der dem Gremium von 1966 bis 1968 angehörte. Peter Bofinger bringt am Mittwoch, 26. Juli sein Wissen mit nach Aalen: In der Aula der Hochschule hält er ab 18 Uhr eine Gedächtnisvorlesung für seinen Mentor Wolfgang Stützel. Im Interview erzählt der mit einer Professur an der Uni Würzburg betraute Bofinger über die Tätigkeit im Sachverständigenrat und seine volkswirtschaftlichen Ansätze.

Herr Bofinger, wie läuft die Arbeit im Sachverständigenrat ab?

Prof. Dr. Peter Bofinger: Das politisch unabhängige Gremium trifft sich mindestens einmal pro Monat für zwei Tage, um alle Facetten der wirtschaftlichen Entwicklung zu beleuchten. Im Oktober, bevor unser Gutachten erstellt und übergeben wird, sind es drei Tage – pro Woche. Die Tätigkeit im Gremium ist also ebenso zeitintensiv wie anspruchsvoll, zumal auch Minderheitenvoten abgegeben werden.

. . . für die Sie normalerweise zuständig sind?

Ja, das kommt vor. Als Anhänger der Keynesianismus, also einer nachfrageorientierten Wirtschaftssicht weichen meine Vorhersagen manchmal von der Sichtweise meiner Kollegen ab. Dabei befinde ich mich in guter Gesellschaft zu Wolfgang Stützel, der 1968 im Zorn aus dem Rat ausgeschieden ist, weil sein Minderheitsvotum nicht ernst genommen wurde. Im Übrigen bekam Wolfgang Stützel bei seiner Klage dazu im Nachhinein recht.

Werden Sie 2019, wenn ihre dritte Amtszeit endet, weiterberufen?

Das wäre theoretisch möglich, aber nach drei Amtszeiten endet bislang die Mitgliedschaft im Kreis der Wirtschaftsweisen.

Im Gremium ist aktuell wieder ein gebürtiger Aalener vertreten.

Ja, offenbar ist Aalen mit renommierten Wirtschaftswissenschaftlern gesegnet. Volker Wieland ist seit März 2013 im Sachverständigenrat vertreten. Er vertritt eine etwas marktliberalere Ansicht als ich, bei vielen Themen sind wir aber einer Meinung.

Um Hartz IV wird viel Folklore veranstaltet.

Prof. Dr. Peter Bofinger
Wirtschaftsweiser

Wie war ihre Beziehung zu Wolfgang Stützel?

Wolfgang Stützel hat mich zum Volkswirtschaftler gemacht. Er war ein sehr bereichernder Mensch, den ich während des Studiums kennen und schätzen gelernt habe. Er bezog mich beispielsweise beim Bundestagswahlkampf 1976 voll mit ein, als er für die FDP als Direktkandidat auftrat. Da begegneten wir Größen wie Ludwig Erhard oder Deutsche Bank-Chef Hermann Josef Abs. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter trieben wir Anfang der 1980er Jahre zahlreiche Projekte voran. Wolfgang Stützel hatte ein sehr breit angelegtes Wissen und war ungewöhnlich kreativ. Er ging keiner Kontroverse aus dem Weg.

Sie waren beispielsweise einer der wenigen deutschen Ökonomen, die sich gegen Kernforderungen von Schröders Agenda 2010 und die Hartz IV-Reformen aussprachen.

Um die Hartz IV-Gesetzgebung wird extrem viel Folklore veranstaltet. Die Erfolge der deutschen Wirtschaft hängen zu 95 Prozent von den starken Unternehmen, den intakten Beziehungen zwischen EUnternehmern und ihren Beschäftigten ab. Dass Hartz IV für die wirtschaftliche Prosperität verantwortlich ist, halte ich für ein Ammenmärchen. Die Wirkung der Gesetze und ihre volkswirtschaftliche Bedeutung wird heute, rund 15 Jahre nach ihrer Verabschiedung, völlig überschätzt.

Aber war Deutschland um die Jahrtausendwende nicht der kranke Mann Europas?

Deutschland hatte enorm mit den Folgen der Einheit zu kämpfen, die Sozialversicherungssysteme waren belastet. Es gab Herausforderungen. Bei fünf Millionen Arbeitslosen und 200 000 offenen Stellen handelte es sich hauptsächlich um eine konjunkturelle Schwäche. Sehen Sie: Wenn die Hartz IV-Gesetze das Wichtigste wären, dann müssten die Volkswirtschaften in Griechenland und Italien brummen. Dort bekommen die Arbeitslosen nach einem Jahr null, nicht Hartz IV.

Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich heute hauptsächlich?

Die europäische Integration ist wichtiges Themengebiet. Dabei spielt die Geldpolitik eine große Rolle. Im Gegensatz zu den Zeiten, in denen Wolfgang Stützel Geldpolitik analysierte, geht es heute aber weniger um Streitpunkte bezüglich der Wechselkurs-Politik, sondern darum, das Finanzsystem stabiler zu machen. Viele Arbeiten an unserer Universität beschäftigen sich damit, wie vorgegangen werden sollte, damit geldpolitisch nicht mehr innerhalb der Eurozone passiert.

Die kostenlose Vorlesung innerhalb des Studiums Generale wird von Prof. Dr. Peter Bofinger am Mittwoch, 26. Juli, ab 18 Uhr in der Aula der Hochschule Aalen gehalten.

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© Wirtschaft Regional 24.07.2017 20:53
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