Osianders Coup mit Herwig

Buchhandel Die Osiander-Gruppe übernimmt die Herwig-Filialen in Schwäbisch Gmünd und Aalen. Hinter der Übernahme steht eine Strategie, die auf Expansion setzt - und gegen den Trend schwimmt.
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    Die Aalener Filiale des regionalen Buchhändlers Herwig gehört ab dem 24. September zum Tübinger Buchhändler Osiander.
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    Die Osiander-Filiale in der Mittelbachstraße wird geschlossen. Die Mitarbeiter kommen an anderen Standorten unter. Fotos: opo

Aalen/Schwäbisch Gmünd

Noch rund fünf Monate, dann sind die traditionsreichen Herwig-Filialen in Aalen und Schwäbisch Gmünd Geschichte. Der Tübinger Buchhändler Osiander wird beide Filialen zum 24. September übernehmen. Ebenfalls den Besitzer wechseln die Herwig-Standorte in Heidenheim und Göppingen. Osiander wird alle 55 Mitarbeiter übernehmen, so das Unternehmen in einer Mitteilung. Die Übernahme ist ein weiteres Puzzleteil in der Strategie von Osiander, die in den vergangenen Jahren vor allem auf Expansion im Südwesten ausgerichtet war. Für den regionalen Buchhandelsfilialisten Herwig endet hingegen eine mehr als 100-jährige Geschichte.

Die Buchhandlung Herwig wurde von Erwin Herwig 1873 in Göppingen gegründet. Till Herwig führt das Unternehmen in der vierten Generation – und verkauft seine vier Filialen nun an Osiander. Es seien keine wirtschaftlichen Gründe, so Herwig. Sein Unternehmen stehe wirtschaftlich und konzeptionell bestens da. Allerdings stellt er nüchtern fest: „Ich werde im nächsten Jahr 60 Jahre alt und das ist für einen Unternehmer ein Alter, in dem man sich nicht nur Gedanken machen sollte über die Nachfolge, man muss dafür auch Lösungen finden.“ Die eigenen Kinder hätten sich beruflich anders orientiert. So sei die Übergabe an „ein derart gut aufgestelltes Unternehmen wie Osiander für alle Beteiligten die beste Lösung für die Zukunft“. Herwig weiter: „Emotional ist das eine ganz schwierige Entscheidung für mich, für die Buchhandlungen ist es die einzig richtige. Davon bin ich fest überzeugt“. Für die größte Filiale in Ulm hingegen gibt es keine Zukunft: Sie wird geschlossen. Der Mietvertrag laufe aus. Mit dem Vermieter habe man sich nicht auf eine Verlängerung „zu wirtschaftlich tragfähigen Bedingungen“ einigen können.

Im August 2011 hatte Osiander in Aalen bereits die Buchhandlung Jahn mit einer Verkaufsfläche von 400 Quadratmetern in der Mittelbachstraße übernommen. Weil Herwig über den besseren Standort in Aalen in der Radgasse in nächster Nähe zum Marktplatz verfüge und im Internetzeitalter in einer Stadt wie Aalen zwei Buchhandlungen dieser Größe wirtschaftlich nicht betreibbar sind, werde Osiander die bisherige Buchhandlung schließen. „Alle Arbeitsplätze werden jedoch erhalten“, erklärte Osiander-Chef Christian Riethmüller auf Anfrage.

Die Gmünder Filiale liegt in der Postgasse. Für den Tübinger Buchhändler ist die Übernahme allerdings Neuland. Mit dem Kauf der Herwig-Filialen stoße man in neue Dimensionen vor, noch nie zuvor hatte Osiander einen Regionalfilialisten übernommen „Das wird ein richtiger Kraftakt, wenn wir auf einen Schlag vier große Buchhandlungen übernehmen und von einem auf den anderen Tag komplett auf Osiander umstellen“, erklärte Riethmüller, der das Unternehmen zusammen mit seinem Vater Heinrich führt.

Das wird ein richtiger Kraftakt.

Christian Riethmüller, Osiander-Chef zur Übernahme von Herwig

Auf Wachstumskurs: Osiander

Dabei passt die Übernahme trotz ihrer Dimension in die Strategie: Strukturiert und maßvoll – jedoch konsequent wachsen. Vor allem in den Mittelstädten wie Gmünd und Aalen hat Osiander zuletzt Filialen eröffnet oder übernommen. Die Übernahme der Herwig-Buchhandlungen lassen das Osiander-Filialnetz im September auf 45 Standorte wachsen. In Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) eröffnen die Tübinger eine 500 Quadratmeter große Buchhandlung. In Emmendingen bei Freiburg soll im Herbst 2018 eine neue Osiander-Filiale Kunden locken. In den beiden vergangenen Jahren hatte Osiander in Schorndorf die Buchhandlung Bacher, in Waiblingen Hess, in Esslingen Th. Schmidt sowie in Waldshut-Tiengen die Hochrhein Buchhandlung übernommen. Dazu kamen Neueröffnungen in Lörrach, Bad Säckingen und Esslingen. Zum Vergleich: Osiander hatte 2011 nur 22 Filialen und 250 Mitarbeiter. Und das in einer Zeit, in der der deutsche Buchhandel konsolidiert schien.

Diese Expansion hatte Osiander-Geschäftsführer Riethmüller bereits währen der Feierlichkeiten zum 420-jährigen Jubiläum angekündigt. 2016 habe man so intensiv wie noch nie zuvor investiert. Im vergangenen Jahr hat Osiander einen Umsatz von 80 Millionen Euro erzielt und 400 Mitarbeiter beschäftigt. Damit gehören die Tübinger zu den größten Buchhändlern in Deutschland und rangieren auf Platz Fünf des Umsatzrankings.

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© Wirtschaft Regional 04.04.2017 19:27
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