Ein Ebay für Papierfirmen entsteht

Papierindustrie Voith GmbH gründet eine digitale Handelsplattform für die Papierindustrie und investiert in den kommenden drei Jahren 50 Millionen Euro in das Start-up
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    „MerQbiz“ startet mit einem digitalen Marktplatz für Altpapier in Nordamerika. Die Expansion in weitere Regionen der Welt und Märkte soll folgen. Foto: Fotolia; Boris Zerwann

Heidenheim

Bereits vor einigen Monaten hatte Dr. Hubert Lienhard, Vorsitzender der Geschäftsführung des Voith-Konzerns betont, das Traditionsunternehmen zu modernisieren und die Digitalisierung vorantreiben zu wollen. Der Technologiekonzern hat nun gemeinsam mit der Boston Consulting Group Digital Ventures, einem Tochterunternehmen der Boston Consulting Group, einen digitalen Marktplatz für die Papierindustrie gegründet.

Das gemeinsame Start-up heißt merQbiz, angelehnt an Mercurius, den römischen Gott des Handels. „Als etablierter Technologieführer mit großem Domänenwissen will Voith die digitale Transformation der Industrie maßgeblich mitgestalten. Mit der Gründung dieses Joint Ventures gehen wir einen weiteren Schritt in dieser digitalen Agenda“, sagt Lienhard. Man beschleunige die digitale Transformation. Der Konzern lässt sich das digitale Abenteuer einiges kosten: Bis Ende des Geschäftsjahres sollen 50 Millionen Euro ins Unternehmen mit dem komplizierten Namen fließen.

Das neue Unternehmen hat seinen Sitz im kalifornischen Manhattan Beach. CEO des Start-up-Unternehmens wird John Fox, bislang CEO der Papiersparte von Voith in Nordamerika. Die erste Produktlösung von merQbiz ist die erste digitale Handelsplattform für Altpapier in den Vereinigten Staaten und richtet sich zunächst an Marktteilnehmer der nordamerikanischen Papierindustrie.

Zum Hintergrund: Bislang zeichnet sich der nordamerikanische Markt für Altpapier durch starke Fragmentierung mit vielen unterschiedlichen Marktteilnehmern, uneinheitlichen Liefer- und Logistikketten, geringe Preistransparenz und schwankende Produktqualitäten aus.

merQbiz soll das ändern: Händler und Einkäufer von Papier- und Zellstofffabriken, Papierbroker oder Recycling-Unternehmen können sich in Zukunft auf der digitalen Plattform direkt miteinander vernetzen, erhalten hier alle relevanten Informationen zum Angebot und zur Nachfrage, so Voith in einer Mitteilung. Zudem könnten sie auf der Handelsplattform ihre Verkaufs- und Einkaufstransaktionen sicher tätigen.

Weiterer Schritt in der digitalen Agenda.

Dr. Hubert Lienhard
Chef der Voith GmbH

Ähnlich wie bei den bekannten Online-Marktplätzen wie etwa Ebay übernimmt merQbiz die Evaluation der Händler, der Käufer und der Qualität der Ware. Das soll für hohe Sicherheit bei allen Waren-, Logistik- und Zahlungsströmen sowie für hohe Transparenz und eine professionelle Abwicklung sorgen. Nach der Start-up-Phase soll allerdings eine Expansion in weitere Regionen und Märkte geprüft werden.

Altpapier ist für die Papierherstellung ein kritisches Gut. Ein Beispiel: Eine Fabrik, die Verpackungskarton herstellt, benötigt rund 350.000 Tonnen an Altpapier pro Jahr. Das entspricht etwa 100 Lkw-Ladungen pro Tag und Kosten von rund 40 Millionen US-Dollar jährlich. „Während digitale Marktplätze und E-Commerce-Plattformen bei Konsumgütern längst etabliert sind, ist ein Online-Marktplatz für die Papier-Branche ein Novum. Verkäufer und Käufer kommen auf einer einzigen Plattform zusammen. Das Einkaufen und Verkaufen von Altpapieren lässt sich hier sicher und schnell abwickeln. Wir bieten über merQbiz der Papierindustrie einen planbaren, und skalierbaren Zufluss an Altpapier – einer Ressource, die für den Betrieb von Papierfabriken unerlässlich ist“, erläutert Fox.

Die Handelsplattform für Altpapier ist seit zwei Wochen online und hat bereits mehr als 100 Tonnen Altpapier gehandelt. Bestandteil der Plattform ist nicht nur das Handeln von Altpapier, sondern auch die Vernetzung mit Logistikdienstleistern, die die Waren von A nach B transportieren. „Wir sind überzeugt, dass merQbiz die Papierindustrie effizienter und erfolgreicher machen wird“, erklärt Fox.

Das Start-up merQbiz ist für den Heidenheimer Maschinenbauer wiederum nur ein weiterer Schritt hin zu einem maßgeblichen Player in der digitalen Industrie. Zu den konkreten Umsatzzielen äußerte sich Voith nicht. Klar ist, dass die 50 Millionen Euro, die in merQbiz fließen sollen, nur der Anfang sind. Im Januar hatte Voith, das im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro erwirtschaftet und in diesem Jahr 150 Jahre alt wird, rund 1,2 Milliarden Euro durch den Verkauf der Anteile am Augsburger Roboterbauer Kuka erlöst. Ein Gutteil des Geldes soll nun wieder in die Digitalisierung investiert werden.

Bereits zuvor hatte Voith im April 2016 die wesentlichen Weichen für seine digitale Agenda gestellt und damals den Konzernbereich Voith Digital Solutions gegründet. Wie berichtet verfolgt Voith mit seiner digitalen Agenda drei Stoßrichtungen: Erstens die digitale Anreicherung und Ergänzung des bestehenden Produktportfolios, um zusätzliche, digitale Fähigkeiten, die den Kunden erweiterte Funktionen und Mehrwert bieten. Zweitens die Entwicklung neuer, digitaler Lösungen in den angestammten Kernmärkten und drittens die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle für bislang noch nicht von der Voith GmbH abgedeckte Märkte.

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© Wirtschaft Regional 13.03.2017 18:41
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